Frau Meiser ist schon wach. Sie hat sich vom Bett in den Rollstuhl gehievt, das geht ganz gut. Sie hat sich gewaschen, das schafft sie noch. Aber Frühstück machen, das klappt nicht. 75 ist sie jetzt, und der linke Arm und das linke Bein gehorchen ihr nicht mehr. Also wartet sie. Um halb acht kommt ja die Frau Schmider.

»Guten Morgen, Frau Meiser.« Eva Schmider hat frische Brötchen mitgebracht und bestreicht sie mit Butter und Honig. Dann kocht sie Kaffee, macht das Bett, sie plaudern über das Wetter. Eva Schmider macht das alles gern, die Arbeit ist ihr ein Leichtes, sie ist ja erst 52, einerseits.

Andererseits ist es so: Wenn sie nicht schon 52 wäre, würde sie sich nicht um Gudrun Meiser* kümmern. Dann würde sie nicht für diesen ungewöhnlichen Verein arbeiten, der sich Seniorengenossenschaft Riedlingen nennt und der beweist, dass es in Deutschland, wo der Sozialstaat angeblich am Ende ist, immer noch recht sozial zugehen kann. Weil sich immer mehr Leute einfach selber helfen. Nach einer Studie der Bundesregierung ist die Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland deutlich gestiegen.

Eva Schmider hat früher in einer Drogerie gearbeitet, in Riedlingen, einer kleinen Stadt 50 Kilometer südwestlich von Ulm, ziemlich abgelegen also. Aber nicht so abgelegen, dass die Wirtschaftskrise nicht auch dort zu spüren gewesen wäre. Die Drogerie musste schließen, Eva Schmider wurde arbeitslos. Und blieb es. Wo sie sich auch bewarb, alle sagten ihr das Gleiche: Tut uns leid, Sie sind zu alt.

Bis sie von der Seniorengenossenschaft hörte. Die ist im Prinzip ein Sozialstaat im Kleinen. Klingt bürokratisch, ist aber ganz einfach. So wie jede größere Familie, jedes Dorf oder jede Stadt hat die Genossenschaft zwei Arten von Mitgliedern. Solche, die imstande sind, anderen Menschen zu helfen. Und solche, die Hilfe brauchen.

Gudrun Meiser zum Beispiel benötigt Unterstützung. Pro Stunde zahlt sie dafür 8,20 Euro an die Genossenschaft, weit weniger, als gewöhnliche Pflegedienste verlangen. Eva Schmider kann Hilfe leisten. Sie hat ja genug Zeit. Die Kinder stehen auf eigenen Füßen, der Mann arbeitet. »Daheim fällt mir die Decke auf den Kopf«, sagt sie.

So kommt es, dass sich Eva Schmider seit einem Jahr um alte Menschen kümmert, zehn bis fünfzehn Stunden pro Woche. Für jede Arbeitsstunde bekommt sie von der Genossenschaft 6,15 Euro. Rein ökonomisch gesehen, gehört sie damit zu Deutschlands Niedriglöhnern, aber sie sieht das nicht rein ökonomisch: »Es ist eine Arbeit, bei der man viel zurückbekommt.«

Manche Mitarbeiter der Genossenschaft verzichten auf das Geld. Sie sparen die geleisteten Arbeitsstunden auf einem Konto an, für später, wenn sie selbst Hilfe brauchen. Die erhalten sie dann kostenlos. Denn die Ehre allein motiviert die wenigsten zur zuverlässigen Arbeit, das haben sie bei der Seniorengenossenschaft schnell gemerkt. Wenn es aber eine kleine Gegenleistung gibt, dann besteht kein Mangel an Mitarbeitern. Die meisten sind dabei weit über sechzig: In Deutschland gibt es genug Menschen, die zu alt sind für den Arbeitsmarkt. Die sich aber noch jung genug fühlen zum Arbeiten. Anfang der Neunziger, als sich die Seniorengenossenschaft gründete, waren es 20 Mitarbeiter, heute sind es 100. Und während die Genossenschaft anfangs ziemlich einzigartig war in Deutschland, gibt es heute Hunderte von Interessenten, die Ähnliches in Gang bringen wollen. Alle haben sie ein Ziel: das soziale Netz in Deutschland wieder ein wenig enger spannen, ganz ohne den Staat. uch

* Name von der Redaktion geändert

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