Auf der Liste stehen 80 Namen, und Duffke kriegt »ein ganz mieses Gefühl«. Die Karin ist dabei, der Stefan, er kennt sie fast alle. Mit einigen geht er hin und wieder ein Bier trinken, mit anderen ist er von Passau nach Wien geradelt. Jetzt muss der Betriebsrat Gerd Duffke zusehen, wie seine Freunde, Bekannten, Kollegen ihren Arbeitsplatz verlieren.

Es ist das Jahr 1993. Die Firma muss sparen. Also werden Stellen gestrichen.

Die Firma heißt Trumpf. Ein schwäbischer Mittelständler, nicht so bekannt wie Porsche oder Bosch. Wahrscheinlich weil das, was Trumpf herstellt, weder auf Straßen noch in Küchen zu sehen ist. Dabei werden die meisten Autos und Kühlschränke mit Maschinen von Trumpf gebaut.

Jahrzehntelang ging es mit Trumpf fast immer bergauf, wie überall im Land. Bis irgendwann die Aufträge ausblieben, weil andere billiger waren, Asiaten, Amerikaner, Osteuropäer. Doch bei Trumpf in Ditzingen bei Stuttgart haben sie früher als anderswo eine Antwort darauf gefunden.

Am Anfang stand der Schock von 1993, als Gerd Duffke die Entlassungsliste in der Hand hielt. »Damals hab ich mir geschworen, das soll sich nie mehr wiederholen«, sagt er. Drei Jahre später jedoch hat er wieder so ein schlafraubendes Stück Papier auf dem Tisch. Trumpf will eine neue Fabrik bauen. Aber wo? In Deutschland? Andere Standorte sind billiger. Also sagt die Geschäftsleitung: Die Arbeitskosten müssen um zehn Prozent runter, dann kommt die Fabrik nach Ditzingen.

Und was sagt Duffke? Inzwischen ist er Vorsitzender des Betriebsrats. Soll er auf die Forderung eingehen? Dann werden ihn die Kollegen für einen Schwächling halten. Soll er die Löhne der Belegschaft verteidigen? Dann verhindert er die Fabrik, und damit neue Jobs.

Die meisten Kollegen, über deren Gehalt Duffke jetzt verhandelt, kennt er persönlich. Er ist ja seit Ewigkeiten dabei. 1972 kam er zu Trumpf, 15 Jahre war er alt. Er hat eine Ausbildung zum Mechaniker gemacht, hat gelernt, zu schrauben und zu schweißen. Dann ist er aufgestiegen, ist als Servicetechniker um die Welt gereist, hat die Kunden auf Englisch im Umgang mit den Trumpf-Maschinen geschult. Bevor er Betriebsratschef wurde, war er stellvertretender Abteilungsleiter. Den Blaumann hatte er da längst ausgezogen. Trotzdem haben ihn die Männer am Band respektiert und zum Betriebsrat gewählt. Manche bereuen das jetzt.

Denn Duffke gibt der Forderung der Geschäftsleitung nach. Unbezahlte Mehrarbeit, lautet das Zugeständnis. Es sind nur ein paar Stunden pro Woche, aber das reicht, um Duffke unbeliebt zu machen. Wenn er nach einem Gespräch beim Vorstand in Anzug und Krawatte durch die Fabrik läuft, sieht er aus, als ob er selber auch ein Manager wäre. Früher dachten die Arbeiter, das sehe nur so aus. Jetzt grüßen ihn viele nicht mehr.

Erst mit der Zeit merkt die Belegschaft, was genau der Betriebsrat da ausgehandelt hat. Für die Mehrarbeit erhalten sie einige Gegenleistungen, mehr Weiterbildung zum Beispiel, später auch eine Gewinnbeteiligung. Wenn die Geschäfte gut laufen und die Umsatzrendite auf 15 Prozent steigt, dann bekommen die Arbeiter ihre zusätzlichen Stunden doch noch voll bezahlt. Und bald laufen die Geschäfte bei Trumpf wieder gut, sehr gut sogar, auch dank der neuen, hochmodernen Fabrik. Die Zahl der Beschäftigten steigt von 1500 auf 2050. Bei der Betriebsratswahl wird Duffke in seinem Amt bestätigt. Wenn er heute durch die Werkshallen geht, dann grüßen ihn die Kollegen von allen Seiten.

Niedrigere Arbeitskosten für mehr Arbeitsplätze, so könnte man den Weg nennen, den die Firma Trumpf Ende der neunziger Jahre einschlug und bis heute weiter gegangen ist. Damals war sie eine Ausnahme, inzwischen sind ihr Tausende deutsche Unternehmen gefolgt. Nicht überall waren die Arbeitgeber zu so umfassenden Zugeständnissen bereit wie bei Trumpf. Oft kassierten die Unternehmen die höheren Gewinne, ohne neue Jobs zu schaffen. Doch insgesamt hat die Sache funktioniert. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um 1,1 Millionen gesunken.

Bei Trumpf spüren sie den Erfolg jeden Tag, vor allem beim Essen. Am Dienstag zum Beispiel gab es Penne mit Chiligarnelen. »Da konnte man wieder froh sein, wenn man noch einen Platz bekam«, sagt Gerd Duffke. Nicht, weil die Nudeln so gut schmeckten, sondern weil die Kantine zu klein geworden ist. Aber auch das wird sich bei Trumpf bald ändern. Sie bauen jetzt eine neue. uch

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