Oberammergau

In drei Jahren ist Passion in Oberammergau, da wird es Zeit für den ersten öffentlichen Ärger. Ein Bürgerentscheid steht an, der Spielleiter droht mit Rücktritt. So ist es üblich.

Diesmal geht es schlicht um die Aufführungszeiten. Christian Stückl, nach 1990 und 2000 nun zum dritten Mal Spielleiter, will die Kreuzigungs- und Auferstehungsszene bei Nacht spielen lassen. »Es hat viel mehr Kraft, wenn man bei der Kreuzigung mit Licht arbeiten kann«, sagt er. Statt von 9.30 bis 17.30 Uhr zu dauern, soll die Aufführung erst um halb drei nachmittags beginnen und nachts um halb elf enden. Oberammergauer Laienschauspieler und Zimmervermieter sind dagegen – und das, obwohl der Gemeinderat die neuen Zeiten bereits vor einem Jahr abgesegnet hat. »Das ist eine Strapaze für die Zuschauer«, sagt der 72-jährige Kaufmann Max Heigl, Mininitiator des Bürgerbegehrens. Mitarbeiter in Kartenverkaufsbüros in den USA, die Heigl von den Änderungen informiert hat, seien »entsetzt«. Die meisten Amerikaner kämen erst mittags an – »und dann sollen sie gleich ins Theater gehen!« Außerdem ärgert Heigl und die anderen, dass keiner die Spieler gefragt hat. »Das finde ich unmöglich, so geht’s nicht.« Dazu die zusätzlichen Kosten für Beleuchtung, Heizung – womöglich auch Übersetzer, wenn die ausländischen Besucher im Dunkeln nicht mehr in ihren Textbüchern mitlesen können.

»Scheinargumente«, hält Stückl dagegen. »Überall auf der Welt wird bis nachts halb elf Theater gespielt.« Auch seien mit diesen Zeiten Job und Passion für viele, die nicht im Dorf arbeiten, besser zu vereinbaren. Immerhin werden auch diesmal wieder fast 2500 Oberammergauer auf der Bühne stehen – und es hat Tradition, dass sie alle mitreden wollen: In Bürgerbegehren und -befragungen wurde schon über den Spielleiter entschieden, über die Renovierung des Passionsspielhauses und die Fassung des Stückes. All das findet Christian Stückl ganz normal. Aber ein Begehren über die Uhrzeit der Aufführung – »lächerlich«. Angelika Dietrich