Noch knapp drei Wochen sind es, bis sich am 6. Juni in Heiligendamm die Staats- und Regierungschefs der acht größten Industrieländer treffen, um über die drängendsten Probleme der Erde zu beraten. Die Uhr läuft, und Veranstalter wie Gegner des G8-Gipfels rüsten auf. Nicht nur rhetorisch.

Die Bilder dieser Tage rufen ungute Erinnerungen wach: Der viele Kilometer lange, mit Kameras bewehrte Eisenzaun gemahnt an Brokdorf und Wackersdorf, wo sich in den achtziger Jahren Demonstranten und Polizei an den Schutzwällen eines Atomkraftwerks und einer Wiederaufbereitungsanlage erbitterte Schlachten lieferten. In Heiligendamm schirmen sich die Mächtigsten dieser Welt drei Tage lang mit Stahl und Stacheldraht gegen den Protest da draußen ab.

Ungute Erinnerungen wecken aber ebenso die militanten Aufrufe gewaltbereiter Linksextremisten wie auch die Großrazzia der Polizei. 900 Beamte mobilisierte die Staatsmacht in der vergangenen Woche, um 40 Wohnungen und Treffpunkte der »Interventionistischen Linken« und anderer Gruppen auszuheben. Diese Aktionen lassen Seattle 1999 und Genua 2001 wiederaufleben, wo internationale Wirtschaftsgipfel in Chaos und Gewalt zu versinken drohten.

Selbstverständlich hat der Staat Sicherheit zu gewährleisten. Eine gute Polizei schaut deshalb voraus und trifft Vorkehrungen dafür, dass die Begegnung der Acht möglichst störungsfrei verläuft. Man muss nicht an den Deutschen Herbst 1977 denken, um vor den Folgen einer anfänglichen Verharmlosung linksextremer Gewalt zu warnen.

Auch wenn auf Versammlungen militanter G8-Gegner ehemalige RAF-Terroristen auftreten und krude Solidaritätsadressen sprechen sind selbst zur Gewalt neigende Autonome noch keine neue Rote Armee Fraktion. Doch in einigen von ihnen steckt genügend Zerstörungswut, um Menschenleben zu gefährden. Die gegen Politiker, Industrielle und Wirtschaftsforscher gerichteten Brandanschläge der jüngsten Zeit zeugen davon, selbst wenn die Attentäter in erster Linie auf Autos und Gebäude zielten. Deshalb sollte man auch die sogenannte Militanzdebatte unter einigen wenigen Gipfelgegnern nicht als Kinderei abtun. Sie wollen nicht über den Sinn dieses Welttreffens debattieren, sie wollen die Versammlung und die dort Versammelten selbst attackieren.

Damit werden sie zu Gewalttätern, denen man Einhalt gebieten muss, aber noch nicht zu Terroristen. Doch diesen Verdacht wollte die massive Polizeiaktion der vergangenen Woche wohl schüren. Zumal sie sich auf den berüchtigten und äußerst umstrittenen Strafrechtsparagrafen 129a stützte, der zu den Hochzeiten der RAF im Jahre 1976 eingeführt wurde und seither die Bildung einer »terroristischen Vereinigung« oder die Mitgliedschaft darin unter Strafe stellt. Die Begründung der Bundesanwälte für die Razzia: Linksextremisten hätten sich zusammengeschlossen und planten, »mit Brandanschlägen und anderen gewalttätigen Aktionen« den G8-Gipfel »erheblich zu stören oder zu verhindern«.

Wer solch schweres Geschütz wie den Antiterrorparagrafen auffährt und Hunderte von Polizisten auf die Suche schickt, muss gewichtige Argumente haben. Doch warum wurde niemand verhaftet, warum laufen die angeblich so brandgefährlichen Terroristen weiter unbehelligt herum? Mehr als kurios: Die Fahndung galt vornehmlich den anonymen Verfassern des Buchs Autonome in Bewegung, das seit vier Jahren frei zu kaufen ist, inzwischen in dritter Auflage. Was lässt das Schriftwerk und seine Urheber plötzlich für den Staat und die Gesellschaft derart bedrohlich werden?