Die Bezeichnung »68er« als Chiffre für die Studentenbewegung bürgerte sich erst in den 1980er Jahren ein. Für Frankreich, das den Höhepunkt der Revolte im Mai 1968 erlebte, trifft sie zu. Für die Bundesrepublik wäre es jedoch richtiger, von den »67ern« zu sprechen. Denn hier war es der 2. Juni 1967, der die historische Zäsur markierte. Hatte der SDS bis dahin eher kleine Gruppen mobilisiert, so wuchs der studentische Protest nun innerhalb weniger Tage zu einer Massenbewegung an. Von ihr wurden auch die traditionellen Universitätsstädte erfasst. Überall gab es Teach-ins, Sit-ins, Go-ins, und das Bewusstsein der Studenten veränderte sich in einem dynamischen Prozess der Politisierung. Zum ersten Mal seit der Französischen Revolution orientierte sich an den deutschen Hochschulen eine deutliche Mehrheit der Studenten nach links.

Gewiss, diese Bewegung hatte sich schon vor 1967 zu formieren begonnen – in der Empörung über Amerikas schmutzigen Krieg in Vietnam, in der Kritik an der Bildung der Großen Koalition vom Herbst 1966, die die Notwendigkeit einer außerparlamentarischen Opposition signalisierte, im Protest gegen die autoritären Strukturen der »Ordinarienuniversität«. Doch erst der 2. Juni 1967 war jener historische Augenblick, nach dem nichts mehr so war wie zuvor. Es war nicht nur der Tod Benno Ohnesorgs, sondern – so der Dutschke-Biograf Ulrich Chaussy – »das beispiellose Zusammenspiel von polizeilicher Brutalität und veröffentlichter Lüge«, das die Studenten buchstäblich auf die Barrikaden trieb.

So rasch, wie sie entstanden war, zerfiel die antiautoritäre Massenbewegung. Bereits im Frühsommer 1968 – nach dem Vietnamkongress im Februar, den Osterunruhen nach dem Attentat auf Dutschke im April und der Demonstration gegen die Notstandsgesetze in Bonn im Mai – hatte sie ihren Zenit überschritten. Auch der frühe Zerfallsprozess spricht also eher für die Bezeichnung »67er«. Doch hat sich der Begriff »68er« inzwischen so fest im politischen Schlagwortrepertoire etabliert, dass er kaum noch korrigierbar erscheint. Von konservativer Seite ist er seit den achtziger Jahren zunehmend zum Kampfbegriff umfunktioniert worden. Wo immer in der Gesellschaft der Bundesrepublik reale oder auch nur eingebildete Probleme auftauchten – schuld waren die »68er«. Dass auch manche ehemalige Rebellen mit ihren rituellen Selbstbezichtigungen dieser Demagogie Nahrung gaben, trägt indes nicht zur historischen Wahrheitsfindung bei. Volker Ullrich