In jenen Jahren war es noch üblich, dass Väter ihre Söhne mit Schlägen auf den rechten Weg brachten; dass Schüler sich erhoben, wenn der Lehrer die Klasse betrat; dass Veteranen die Biostunde missbrauchten, um von ihren Erlebnissen an der Ostfront zu erzählen; dass Assistenten ihrem Professor auf dem Weg in die Vorlesung die Tasche hinterhertrugen. Damals hatten die Hosen Bügelfalten, man half der Dame in den Mantel, man schenkte dem befreundeten Paar zur Hochzeit silberne Messerbänkchen. Es war nicht üblich, dass man das Theater ohne Schlips besuchte; dass Jugendliche unterschiedlichen Geschlechts auf Zeltplätzen oder in Gasthöfen gemeinsam übernachteten (es war sogar verboten); und es war auch nicht üblich, dass man genauer fragte, was die Väter, die Lehrer, die Professoren, die Richter und Minister in dieser unsagbar weit zurückliegenden, unsagbar dunklen Nazizeit gemacht hatten. Es waren die Jahre, als Franz Josef Degenhardt sein Lied vom Deutschen Sonntag sang: »Da hockt die ganze Stadt und mampft, / dass Bratenschweiß aus Fenstern dampft. / Durch die fette Stille dringen Gaumenschnalzen, / Schüsselklingen, Messer, die auf Knochen stoßen, / und das Blubbern dicker Soßen. / Hat nicht irgendwas geschrien?«

In jenen schönen Jahren ging’s uns noch gold, denn die Autorität hatte Namen und Anschrift, und man konnte sie, ohne allzu mutig sein zu müssen, kritisieren und lächerlich machen. Sie wurde zuweilen, wenn man sie reizte, äußerst brutal und zeigte ihr reaktionäres Gesicht. Unter den Talaren verbarg sich der Muff, und nicht selten roch er braun. Aber die Tage dieser nicht wirklich begründeten und letztlich maroden Autorität waren gezählt, und die Revolte der Studenten war (wenn auch nicht nur) das Vehikel fälliger Modernisierung. Die Revolte, die zur Selbstüberschätzung neigte und von der Weltrevolution träumte, zertrümmerte bloß den bürgerlichen Komment. Hier entstand, was heute als Mobilität und Flexibilität gepriesen wird, hier begann der Aufbruch in die Welt der Selbstverwirklichung. Dazu gehörte nicht allein die berufliche Karriere (gut bezahlte Stellen lagen überall herum), sondern auch das Engagement für die Freiheit des Bürgers, für die Dritte Welt, für die ökologische Vernunft.

Heutzutage, in dieser scheinbar autoritätslosen Zeit, hat die Autorität kein Gesicht mehr, sie nennt sich Marktwirtschaft und droht mit der Globalisierung, sie verbirgt sich hinter anonymen Zwängen, objektiven Erfordernissen und scheint unangreifbar. Wer heute jung ist, hat es schwerer als wir damals. Uns ging es gut, sonst wären wir nicht auf die Straße gegangen. Ulrich Greiner