Zu viel der Ehre! Der Vorwurf, die 68er hätten die Familie zerstört, die Frauen dem Gebären entfremdet, Papas Autorität untergraben, die Erziehung ruiniert, hat den Sound des Trotzes, die Wut der Betrogenen, in ihm heult eine kindliche Sehnsucht nach heiler Welt. Aber die heilige deutsche Familie ist schon lange tot. Sie starb in einer Aprilnacht im Jahre 1945, als Magda Goebbels im Führerbunker ihren sechs kleinen Töchtern und Söhnen vergifteten Kakao einflößte.

Es war das Ende eines ideologischen Missbrauchs intimster Beziehungen, der Untergang der familiären Unschuld unter Bedingungen des zivilisatorischen GAUs. Falls man denn die Familie im historischen Vorfeld des Nationalsozialismus, die des Kaiserreichs, mit ihrer patriarchalen Befehlsstruktur und konstitutiven Frauenverächtlichkeit, unschuldig nennen möchte.

Die 68er sind Trümmerkinder, gezeugt zwischen Ruinen, aufgewachsen in einer Kulisse schlecht inszenierter Restauration, unter Figuren geworfen, denen ein neuer Text fehlte. Wie viele Liebesheiraten hatte der Krieg verhindert? Wie viele Männer als moralisch ausgehöhlte Gestalten ausgespuckt? Spezialisten für brüchige Autorität, das waren sie nun wirklich selbst, diese Eltern. So mussten nicht nur die Kinder am Tisch schweigen, es herrschte überhaupt viel Stille hinter all dem Aufbaugetöse, auch zwischen Vater und Mutter. Über die Ängste, ihre Schuld. Die Kinder aber spielten ihre Rollen wie im Märchen, sie hüpften und schrien und kreischten: Der König ist nackt! Der König ist nackt! Das tat nicht nur in den Ohren weh.

Nackt! Sagen, wie’s einem ums Herz ist, rumlümmeln, mal mit der einen, auch mit anderen. Was die sich rausnahmen, die Kinder, das weckte wohl auch Erinnerungen an eigene Erfahrungen, mit den Mädels in Frankreich oder GIs in Hannover. So wähnten sich ihre Kinder 1968 im Besitz aller Neuigkeiten, als sie eifrig die sexuelle Revolution verkündeten, die Befreiung der Frau, nicht ahnend, dass der One-Night-Stand womöglich von Mutti längst erprobt war.

Der revolutionäre Elan wäre somit auch ein Fall pubertärer Selbstüberschätzung. Nicht der einzige Vorwurf, der den 68ern zu machen wäre. Tatsächlich wurde jenseits der Stille viel zu wenig zerstört. Und viel zu wenig aufgebaut. Im Verhältnis der Geschlechter, im Umgang mit den Kindern ist ja viel zu wenig passiert, das ist es, was Familie heute zermürbt.

"Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen", hatte Magda Goebbels’ Ehemann, der Propagandist, in seinem Tagebuch vermerkt: "Dafür sorgt der Mann für die Nahrung, sonst steht er auf der Wacht und wehrt den Feind ab." Darüber streitet die Nation schlecht gelaunt noch heute. Junge Paare finden so gleichberechtigte Partnerschaften schwierig zu leben. Das macht nicht gerade Lust auf Babys, sondern sorgt für einen demografischen GAU. Na und? "Dann sterben die Deutschen eben aus!" schnarrt es beleidigt in sattsam bekannter Schnurrbarttonlage. Da ist sie, die alte Untergangssehnsucht.