Die verstörendste Frage, die sich an die 68er stellen lässt, ist die Frage, ob sich hinter ihrer linken Aufbruchsrhetorik nicht am Ende ein heimliches Treueverhältnis zu dem nazistischen Weltbild ihrer Eltern verborgen habe. Seinerzeit wäre die Frage kaum verständlich gewesen. Die Studenten sahen sich als Antifaschisten in einer noch immer faschistisch geprägten Gesellschaft. Erst heute lässt sich, wenn man die Stichworte ihres Protestes sammelt, der Verdacht einer deutschen Kontinuität formulieren: Antizionismus und Antiamerikanismus, die Verteufelung des kapitalistischen Westens, die Schwäche für nationalistische Befreiungsbewegungen und die Begeisterung für die Volksmassen kann man in der Tat nicht nur von links, sondern auch von rechts her verstehen.

Die historische Erfahrung lehrt, dass ein Kampf gegen Traditionen mitunter unbewusst tradiert, wogegen man zu kämpfen glaubt. Auf einer solchen Dialektik beruht der Nazivorwurf gegen 68. Er verlangt freilich, eine entscheidende Prämisse des Studentenprotestes zu ignorieren: dass der Kapitalismus die Ursache des Faschismus sei. So lehrten es viele der jüdischen Intellektuellen, die zu den Anregern von 68 gehörten, ob Adorno, Horkheimer oder Marcuse. Erst in letzter Zeit ist eine andere Gleichung aufgestellt worden, wonach umgekehrt der Antikapitalismus eine Wurzel des Faschismus sei und antisemitische Pointen freisetze. Auf dieser Prämisse beruht der Hitler-Verdacht gegen die Studenten. Es ist die spiegelsymmetrisch konstruierte Gegenideologie, was wiederum heißt, dass die Kritiker von 68 in die Schule von 68 gegangen sind. Jens Jessen