Meine Schwester hat einen. Mein bester Freund auch. Und ich wusste schon als Kind, dass ich, wenn ich einmal groß bin, auch einen Volvo haben will. Was ist ein Volvo? Wenn man mich in meiner Kindheit gefragt hätte, dann hätte ich geantwortet: ein langes Auto mit einer Friedenstaube hinten drauf. Ein paar Jahre später, als Teenager, hätte ich hinzugefügt: ein Kombi aus Schweden, dem Land mit der sozialen Gerechtigkeit und den schönen, emanzipierten Mädchen. Als Kind hatte ich einen Freund, dessen Eltern einen roten Volvo fuhren. Er war lang und eckig. Er wirkte mächtiger als unser VW Passat, aber gleichzeitig sehr freundlich. Und auf der Hinterbank des roten Volvos war es sehr viel gemütlicher und geräumiger als bei uns im Auto. Man konnte dort locker ein ganzes Kartenspiel ausbreiten. Oder zu viert nebeneinandersitzen.

Jetzt bin ich erwachsen und habe immer noch keinen Volvo Kombi. Weil ich weder Filme mit viel Equipment drehe, wie meine Schwester, noch Möbel baue, wie mein bester Freund. Und vier Kinder habe ich auch noch nicht. Einen Volvo Kombi zu kaufen wäre also unvernünftig. Umso größer die Freude, als das Angebot kam: Du darfst den neuen Volvo testen.

Ich bekam einen elektronischen Plastikschlüssel und fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage der Berliner Redaktion. Da wartete er, war weiß und strahlte. Doch als ich um ihn herumlief, merkte ich sofort: Dem fehlt was. Dieser Volvo ist amputiert. Hinten hat man ihm ein gefühltes Drittel abgeschnitten, und zwar schräg, so dass die Heckscheibe nicht mehr vertikal verläuft, wie ich es von den Kombis kenne. Der neue Volvo C30 hat auch nur zwei Türen, die dafür aber sehr lang sind. Nachdem ich vor meinem Haus eingeparkt hatte – die Einparkhilfe piepste beim Rückwärtsfahren schon weit vor der nächsten Stoßstange so hektisch, als ob da gerade ein Patient auf der Intensivstation kollabierte –, hätte ich mit der weit öffnenden Tür beinahe einen Radfahrer erwischt.

Für die Insassen jedoch bietet auch der kompakte beziehungsweise kupierte Volvo den Schutz, den man von den langen Klassikern gewohnt ist. Der C30 ist, glaubt man den Informationen des Unternehmens, ein fahrender Hochsicherheitstrakt: "Das komplette Sicherheitspaket mit sechs teils adaptiven Airbags, dem Seitenaufprall-Schutzsystem SIPS, der Schleudertrauma-Prävention WHIPS oder auch dem Fahrer-Informationssystem IDIS ist beim Volvo C30 selbstverständlich." Unter den Seitenspiegeln sind kleine Videokameras angebracht, die den sogenannten toten Winkel überwachen. Natürlich hat auch dieses panoptische System, das den Schulterblick obsolet machen soll, eine Abkürzung mit vier Buchstaben: BLIS. Blind Spot Information System.

Der Eindruck nach der ersten kurzen Fahrt durch die Stadt? Das Auto fährt sich gut, das Lenkrad ist wunderbar griffig, die Bedienung der Klimaanlage übersichtlich gestaltet. Und es ist ruhig hier drinnen. Nur die fehlende Länge stört. Eigentlich ist der neue Volvo ein verkappter Golf. Oder ein Audi A3. Nur dass dieser Volvo unpraktischer ist als die Konkurrenten, raumtechnisch zumindest. Das zeigte sich dann am zweiten Tag, als ich den Wagen für einen Kurzausflug nach München packte. Mehr als ein großes Gepäckstück passt kaum in den mickrigen Kofferraum unter der schrägen Glasheckscheibe. Und im Fond möchte man ungern vier Kinder unterbringen müssen.

Vielleicht ist das Problem dieses Volvo C30, dass es ein Designauto ist und die Funktion unter der Form leiden musste. Der C30 möchte nämlich mit seiner auffallenden Heckscheibe an ein berühmtes Vorläufermodell erinnern, den Anfang der siebziger Jahre gebauten Volvo P1800 ES, der Schneewittchensarg genannt wurde. Doch besagter Schneewittchensarg wirkte viel eleganter – und vor allem auch länger. Auf Werbefotos ist jetzt der C30 vor einer Wand mit wilden Graffiti zu sehen. Damit soll die Zielgruppe angesprochen werden: Endlich mal keine Familienkutsche von Volvo, sondern etwas für junge Individualisten, und zwar in iPod-Weiß. Ein Auto für Menschen, die sich für Funsportarten interessieren, für Frauen und Männer, die schon aus Prinzip immer Singles und immer jung bleiben wollen, die sich sonst vielleicht den Mini von BMW leisten würden. Ein Auto auch für Schwule, wie mir ein homosexueller Freund bestätigte.