Es war Ende Januar, als der brasilianische Präsident Luiz da Silva sein neues Regierungsziel bekannt gab: mehr Wachstum. Ein Plan zur Wirtschaftsförderung mit dem Kürzel PAC soll nach Lulas Worten "Hürden einreißen und Grenzen durchbrechen". Bis zum Jahr 2010 sind Investitionen von 184 Milliarden Euro in alle Bereiche des Energiesektors vorgesehen, in das Wasser- und Abwassernetz sowie in Straßen und Flughäfen. Außerdem will der Regierungschef mit drei Milliarden Euro die Schulen verbessern.

Fast 200 Milliarden Euro – "zu bescheiden", sagt Claudio Adilson Gonçalez von der Beratungsfirma MCM. Doch immerhin ist beim Präsidenten zu Beginn seiner zweiten Amtszeit eine wichtige Erkenntnis angekommen: Das Wirtschaftswachstum im "Land der Zukunft" reicht hinten und vorne nicht aus.

Gerade hat das Land die Grundlage seiner Konjunkturrechnung auf internationalen Standard gebracht, und nach den revidierten Zahlen ist Brasilien jetzt die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als einer Billion Dollar. Die durchschnittliche Wachstumsrate seit 2003 liegt jetzt bei 3,4 Prozent. Im Vergleich dazu betrug sie in allen Entwicklungsländern zusammengenommen 7,3 Prozent. Und Ökonomen schätzen die Wachstumsrate, die dauerhaft erreicht werden kann, auf bloß drei Prozent. "Brasilien hinkt anderen Schwellenländern hinterher", sagt Lisa Schineller von der Rating-Agentur Standard & Poor’s, auch wenn es falsch sei, das Land mit China zu vergleichen. "Es ist weiter entwickelt."

Tatsächlich: Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds hat das brasilianische Pro-Kopf-Einkommen zuletzt den Gegenwert von 4239 Euro im Jahr erreicht, fast dreimal so viel wie in China und gut siebenmal so viel wie in Indien. Die Wirtschaftsstruktur sieht fortschrittlich aus: Schaut man in die Statistiken eines typischen Entwicklungslandes, dann sieht man vor allem Landwirtschaft und Rohstoffe und wenig eigene Wertschöpfung.

In Brasilien erlebt der Rohstoffsektor gerade einen Boom, weil die Exportnachfrage kräftig angezogen hat, aber trotzdem erwirtschaftet die verarbeitende Industrie 30 Prozent des Sozialproduktes und der Dienstleistungssektor stolze 64 Prozent. Auf dem Stand muss eine Volkswirtschaft besonders strampeln, um weiter zu wachsen. Sie braucht die richtigen Bedingungen für Investitionen, eine breite Bildung für Arbeitskräfte – und eine ausreichende Rechtssicherheit für Unternehmer, die investieren möchten. In keinem Punkt tut Brasilien genug.

So machen die Investitionen in Brasilien gut 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, in China mehr als das Doppelte. Die öffentlichen Infrastrukturausgaben sind sogar gesunken – von jährlich 3,6 Prozent Anfang der 1980er Jahre auf ein Prozent. Die Privatwirtschaft macht diesen Nachteil nicht wett, weil private Infrastrukturinvestitionen als unsicheres Geschäft mit dem Staat gelten: 41 Prozent der Konzessionsverträge werden neu ausgehandelt. "Inadäquate Straßen, Häfen, Kraftwerke und Abwassersysteme sind die Folge", berichtet die Consultingfirma McKinsey. Wegen schlechter Straßen, Speicher und Häfen verderben drei bis zwölf Prozent der brasilianischen Getreideproduktion. Die Industrie leidet unter Transportschwierigkeiten und Stromausfällen. Erwerbstätige Brasilianer sind durchschnittlich nur 4,1 Jahre zur Schule gegangen, verglichen mit sechs in China.

Tatsächlich erscheint der brasilianische Staat so geschwächt, dass er nicht einmal die Rechtssicherheit wahrt. "Custo Brazil", die brasilianischen Extrakosten, heißt die Bürokratie im Land. Genehmigungsverfahren oder gar Rechtsstreitigkeiten können sich endlos hinziehen. Studien zufolge braucht man 152 Tage, um ein Unternehmen zu eröffnen – macht Platz 115 im globalen Ranking. Auch dass Kidnapping, Raubüberfälle und Mafiaanschläge zunehmen, verbessert das ökonomische Klima nicht gerade.

Viele Unternehmen neigen da zum Durchwurschteln statt zum Wachstum. "Eine Reihe global operierender Unternehmen steht einem wenig produktiven informellen Sektor gegenüber", sagt Lisa Schineller. Kein Wunder, dass brasilianische Arbeiter pro Stunde nicht einmal ein Fünftel so viel Wert schaffen wie die US-Amerikaner.

Immerhin: Seit sich die Regierung der Armutsbekämpfung verschrieben hat, geht die Zahl der Armen im Land tatsächlich zurück – ihr Anteil an der Bevölkerung sank binnen weniger Jahre von 28 Prozent auf gut 22 Prozent. Das sei ein Lichtblick, sagt der Ökonom Marcelo Nero vom Forschungsinstitut Fundação Getulio Vargas in Rio de Janeiro: "Wenigstens die Ärmsten der Armen erleben chinesische Wachstumsraten."