Die volkswirtschaftliche Abteilung der Washingtoner Weltbank ist eigentlich nicht für ihre poetischen Qualitäten bekannt. Den Ökonomen Lant Pritchett, Rinku Murgai und Marina Wes ist aber dennoch ein schöner bildhafter Vergleich für die indische Wirtschaft eingefallen. "In der Wüste findet man für gewöhnlich Kamele und keine Nilpferde", schrieben sie kürzlich in einer Studie. Es geht also um Tiere, die es lange ohne Wasser aushalten.

Auf Indiens Wirtschaft übertragen bedeutet das: Alle reden von den Motoren des indischen Wirtschaftsbooms, der Informationstechnologie und den Dienstleistungen für westliche Konzerne. Doch das sind "Kamele", die kaum Infrastruktur brauchen. Sie haben keine gewaltigen Fabriken zu versorgen, müssen nichts Schweres verladen. Genau das Richtige für die Infrastrukturwüste Indiens.

Nach den Berechnungen der Weltbank müsste Indien Jahr für Jahr etwa 12,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für die Infrastruktur ausgeben, um bis 2015 zu seinem Rivalen China aufzuschließen. Das ist viermal mehr, als tatsächlich investiert wird. "Nach Jahren der Unterinvestition und steigender Anforderungen ist Indiens Infrastruktur in einem traurigen Zustand", sagt Stephen Thomsen von der Londoner Denkfabrik Chatham House.

Gleich mehrere neue Studien haben sich in den vergangenen Monaten skeptisch über Indiens Zukunft geäußert, falls die Supermacht in spe dieses Problem nicht in den Griff bekommt. Statt durchschnittlich sechs Prozent wie seit 1996 könnte sich das Wirtschaftswachstum des Landes wieder auf "durchschnittlich vier oder sogar drei Prozent" reduzieren, sagt Thomsen. Das wäre die berüchtigte Hindu rate of growth, die indische Ökonomen schon früher verzweifeln ließ.

Denn auf Dauer kann Indien sein Wachstum nur sicherstellen, wenn die industrielle Basis breiter wird. Nur die verarbeitende Industrie kann genügend Arbeitsplätze für das Heer schlecht qualifizierter Arbeitnehmer schaffen. Nur wenn die rund 80 Prozent der Bevölkerung, die weniger als zwei Dollar am Tag verdienen, irgendwann in den Wirtschaftskreislauf aufgenommen werden und zu Konsumenten werden, kann die indische Wirtschaft im bisherigen Tempo weiterwachsen.

Bisher aber beträgt der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt 27 Prozent – in China sind es 46 Prozent. Und gerade diese verarbeitenden Betriebe sind "Infrastruktur-Nilpferde", anspruchsvolle Tiere also, die in der Wüste nicht sehr glücklich sind. Sie brauchen Energie, und wenn sie an der Globalisierung teilnehmen wollen, brauchen sie auch Straßen, Schienen, Flughäfen, Häfen. China hat in den vergangenen Jahren regelmäßig zehnmal so viele Industriegüter exportiert wie Indien.

Überall herrsche Mangel, sagt Arving Panagariya von der Columbia-Universität in New York. So braucht eine Frachtladung mit Importgütern am Flughafen von Neu-Delhi durchschnittlich 15 Tage bis zur Abfertigung, während sie im internationalen Durchschnitt nicht länger als 12 Stunden liegen bleibt. Am Containerhafen in Mumbai kann es 14 Tage dauern, eine Ladung zu löschen, im Vergleich zu weniger als 24 Stunden in anderen Ländern.

Laut Weltbank arbeiten 60 Prozent der Unternehmen schon mit einem teuren eigenen Generator – wegen der häufigen Stromausfälle. Weil außerdem noch 59 Prozent des Stroms in Indien gestohlen werden oder auf dem Weg zum Kunden verloren gehen, sind die Energiekosten auf dem Subkontinent um 40 Prozent höher als in China.

Den Regierenden in Neu-Delhi ist das bekannt. Premierminister Manmohan Singh will deshalb in den nächsten fünf bis sieben Jahren 320 Milliarden Dollar für Infrastruktur ausgeben. Doch das wird schwer. Der Staat leidet unter Geldmangel und hat eine Verschuldungsrate von mehr als der doppelten Maastricht-Grenze. 150 Milliarden Dollar sollen daher von ausländischen Investoren kommen, die sich ja auch sonst an vielen Orten der Welt an Infrastrukturprojekten beteiligen. Doch in Indien tun sie wenig. Selbst Indonesien oder Kolumbien schaffen, gemessen an der Wirtschaftsleistung, mehr solcher Public-Private-Partnership-Programme. Der Grund: zu wenig Rechtssicherheit, zu viele Vorschriften und politische Fallen.

Vor allem im Energiesektor hätten "alle Reformversuche in den vergangenen Jahren versagt", argwöhnt der Experte Panagariya. Keine Partei will wirklich viele private Kraftwerksbetreiber ins Land holen, denn denen könnte man die Strompreise nicht mehr so leicht vorschreiben. Und die entscheiden Wahlen. Für private Investoren ist ein Einstieg in den Energiemarkt daher ein kaum zu kalkulierendes Risiko. Ausländische Investoren wollen laut Umfragen kommen – aber nur nach einem drastischen Wandel. Ohne den bleibt das Land wohl eher eine Investitionswüste.