Ein russisches Unternehmerleben kann abenteuerlich sein. Das von Nikolaj Tereschtschenko ist es auf jeden Fall. Der 50-jährige Mittelständler aus dem südrussischen Krasnodar hat in den vergangenen zwei Jahren erlebt, wie sie nachts die Türen seiner Firma aufbrachen. Er musste die Pizzaschachteln dreister Eindringlinge aus seinen Büros wegräumen, um seine ganze Existenz musste er fürchten. Einmal hat er sich sogar wochenlang an einem geheimen Ort versteckt.

Tereschtschenkos Widersacher sind die Polizei und die Staatsanwaltschaft von Krasnodar. Nicht, weil der Unternehmer ein Halunke wäre. Sondern weil es unter den Staatsdienern Leute gibt, die finsteren Hintermännern zur Hand gehen. Die dabei helfen, ihn zu erpressen und um sein Unternehmen zu bringen – statt ihren eigentlichen Job zu tun, nämlich Rechtssicherheit zu schaffen, damit Mittelständler wie Tereschtschenko investieren und Arbeitsplätze schaffen können. "Das geht hier nicht wie am Stand auf der Hannover Messe zu", spottet der Unternehmer. "Das ist der raue russische Wirtschaftsalltag."

Anfang der neunziger Jahre hatte Tereschtschenko sein erstes Kapital erwirtschaftet, in Deutschland: bei Touren über die Schrottplätze und im privaten Autoexport nach Russland. Heute zeigt er mit Stolz, was er sich daraus in seiner Heimat aufgebaut hat: ein Öllager mit Filetgrundstück direkt am Flughafen von Krasnodar und eine Tank- und Raststätte mit säuberlich gemauerten Wegen aus kaukasischem Gebirgsbachstein. Auf dem Land dahinter hält er Schafe, Esel und Ziegen und baut Gemüse an. "In Russland verteilt man seine Eier auf mehrere Körbe", erläutert der grauhaarige, stämmige Mann, als er über die Weide stapft und seine Tiere herbeiruft. Faustdicke Mohrrüben verteilt er als Futter, ein aufdringliches Pferd knufft er zur Seite.

Wenn man näher hinschaut, fällt auf, dass nicht alles optimal in Schuss ist. Die Zapfsäulen der Tankstelle sehen veraltet aus und sind angerostet. "Die Übergriffe haben mein Unternehmen um fünf Jahre zurückgeworfen", sagt der Gründer. Ihm fehlten Zeit und Geld für Investitionen, Geschäftspartner schreckten gar vor dem Kontakt mit ihm zurück. Aus Angst, auch ins Visier der russischen Firmenjäger zu geraten, der sogenannten Raider.

Der Ärger begann, als Tereschtschenko vor Jahren seine Tanks zur Einlagerung von Benzin vermietete. Er ist sicher, dass er nichts falsch gemacht hat, aber ein Jahr nach Ablauf des Vertrages strengte die Staatsanwaltschaft gleich drei Verfahren gegen ihn an – eines wegen Benzindiebstahls, obwohl nicht einmal eine Anzeige vorlag. Die wahren Gründe für die Verfahren schienen andere zu sein. Zuvor, im August 2005, waren zwei Staatsanwälte in Uniform in seinen Betrieb gekommen und hatten ihm geraten, das ganze Unternehmen für eine Million Dollar zu verkaufen. Sonst könne es ihm schlecht ergehen. Es folgten die Durchsuchungen, Beschlagnahmen und die zweiwöchige Schließung seines Öllagers – allein schon ein Verlust von 15.000 Euro. Dann warnten ihn Freunde bei der Polizei vor einer bevorstehenden Verhaftung. "Lauf, Kolja, lauf!", sagten sie. Er versteckte sich, während sein Anwalt gegen die Verfahren vorging.

Tereschtschenkos Fall ist Alltag in Russland. Im vergangenen Jahr haben Firmen für mehr als 100 Milliarden Dollar ihren Besitzer gewechselt – und mehr als jede zehnte Übernahme geschah Schätzungen zufolge illegal durch Raider, die im Zusammenspiel mit Staatsorganen fremde Firmen kapern. In vielen Regionen Russlands sind der Polizeichef, der Vorsitzende des Gerichts und der Staatsanwalt die alles entscheidenden Personen. Wenn ihnen genug Geld geboten wird, dann lassen sie sich per Telefon diktieren, gegen wen zu ermitteln ist, gegen wen ein Gerichtsentscheid erwirkt werden soll.

Während sich die großen Holdings schützen können, sind mittelständische Unternehmen oft hilflos ausgeliefert – egal, wie gut die Geschäfte gerade laufen. Die Raider haben es zumeist nicht auf die Firmen selber abgesehen, sondern auf ihre Gebäude, Grundstücke und Anlagen. Sie wollen nicht produzieren, sondern ausschlachten. "Eine sehr gefährliche Entwicklung für die russische Wirtschaft", urteilt Michail Deljagin, Direktor des Instituts für Globalisierungsprobleme in Moskau.