Man weiß es seit 80 Jahren, aber keiner will es wissen. Besonders die Japaner sind bitter enttäuscht, wenn sie es erfahren. Bach, Johann Sebastian, wurde nicht im gelben Haus geboren, das so traulich am Hang steht, sondern 100 Meter stadteinwärts, Lutherstraße 35, wo im Fenster ein Schild hängt: »Ferienwohnung belegt«. Das echte Geburtshaus wurde längst abgerissen. Das falsche ist immerhin eines der ältesten Häuser von Eisenach. Mit Pomp wurde es vor 100 Jahren als Wallfahrtsstätte eröffnet. Es war ein schöner Maientag. Mit Bach feierte man auch das »grunddeutsche Geschlecht«, dem er seinem Biografen Spitta zufolge entstammte. Ein nationales Ereignis. Eine historische Aufnahme des Bachhauses in Eisenach BILD

Hundert Jahre nach der ersten gibt es nun eine zweite Eröffnung, eine doppelte sogar mit Festwoche, bei der wie einst im Mai die Thomaner eine Motette singen werden. Denn das alte Haus hat zur Renovierung eine Erweiterung bekommen – und was das Kasseler Architektenbüro Penkhues entwarf, ist eine Erweiterung auch in die Gegenwart, von der man sonst baulich nicht viel merkt in verträumten Städtchen am Thüringer Wald. Dicht am Bachhaus schwebt nun ein skulpturhafter, subtil unrechtwinkliger Baukörper auf einem Glasfoyer und zieht sich rechts davon bis zum Boden. Das lässt an einen Instrumentenkasten denken, aber nur, wenn man möchte.

Die geschlossene Front dazwischen hat bei den Eisenachern schon ihren Spitznamen weg. »Kunst der Fuge« nennen sie die Parallelogramme aus Muschelkalk, die fugenreich die Fassade verkleiden. Aus dem lichten Foyer darunter wird man zuerst mal in den Altbau geführt – durch eine Tür der Leipziger Thomasschule, die Bach selbst 27 Jahre lang durchschritten hat. Diese Reliquie wurde nach dem Abriss der Schule 1902 für Eisenach gerettet. Dahinter geht es um Leben und Zeit des berühmtesten Eisenachers, der in dieser Stadt freilich nur seine ersten zehn Jahre verbrachte und dann als Vollwaise zu seinem Bruder nach Ohrdruf zog. Wie es bei seinen Eltern ausgesehen haben mag, kann man, wie gehabt, in historisch möblierten Zimmern überprüfen. »Natürlich ist das etwas puppenstubenartig«, räumt der junge Direktor ein. Jörg Hansen hat mit dem Stuttgarter Atelier Brückner die Ausstellungskonzeption erarbeitet. Eine Wohnung der Bach-Zeit, wie gehabt, wollten die Stuttgarter eigentlich nicht rekonstruieren, »denn das läuft heutigen Konzeptionen völlig zuwider«, sagt Hansen. Aber man hat sich dann dem Druck der Traditionalisten gebeugt, von denen es ja auch in der Neuen Bachgesellschaft einige gibt. Immerhin: Die »marxistisch-leninistische Wandausstellung«, wie Hansen das DDR-Konzept beschreibt, entfällt.

Zu den Exponaten im Altbau zählen auch die Steuerakten von Bachs Vater Ambrosius, die für die Frage nach dem wahren Geburtshaus so entscheidend sind. Damit man aber dem Wahren im Falschen nähertreten kann, wurden die »Affengitter« entfernt, wie die Thüringer die alten Absperrungen nannten. Seit nämlich in den 1930ern eine rheinische Damenreisegruppe ein historisches Nudelholz entwendet hatte, durfte man nur noch durch vergitterte Türrahmen in die Gemächer spähen. Jetzt kann der Gast die Schwelle überschreiten, bis zu einer halbhohen Glasabsperrung.

Wer sich gebeugten Ganges an die durchnschittliche Körpergröße der Europäer um 1700 angepasst hat, erreicht im ersten Stockwerk den Neubau buchstäblich durch die kalte Küche, nämlich vorbei am Nachbau einer Feuerstelle des 17. Jahrhunderts. Der Saal dahinter ist hoch und hell – hier geht es um Bachs Kunst und die Folgen. In der Mitte erhebt sich eine leuchtende zylindrische Raumskulptur, umgürtet von transparenten Acrylglasbändern. In ihrem dunklen Innern kann man Musik hören und sehen: Auf einer 180-Grad-Leinwand tanzt die Pretty Ugly Compagnie zur Kunst der Fuge. Und damit für jeden etwas dabei ist, sind auch die Thomaner beim Proben zu erleben.

Bizarre Wege nahm das Bild, das man sich von Bach machte. Neben dem authentischen Porträt Elias Gottlob Haußmanns, hier als Kopie vertreten, staunt man über Lithografien, die völlig verschiedene und eher frettchenhafte Typen zeigen. Auf der Suche nach dem wahren Bach hat man 1894 seine Gebeine ausgegraben, den Schädel vermessen und mit zwei Dutzend sächsischer Männerleichen verglichen. Ergebnis: »Von sehr ausgeprägter und keineswegs gewöhnlicher Form.« Muss ja!