Es lohnt sich, auf dieser heuchlerischen Nachlässigkeit ein wenig zu verweilen, weil sie der einzige Zug ist, der in allen sozialen Milieus der Stadt zu Hause ist und auch von Zugezogenen schnell gelernt wird. In allen übrigen Ausprägungen läuft der modische Ehrgeiz beziehungsweise Nichtehrgeiz weit auseinander. Es gibt wenige Städte und gewiss keine in Deutschland, in denen sich die Milieus so konsequent aus dem Weg gehen. Man hat deshalb auch von Tribalismus gesprochen, also von Stammeskulturen, die sich wie bei Eingeborenen in weit auseinander liegenden Bergtälern vollkommen unterschiedlich entwickeln. In dem einen Tal gibt es Tattoos und Zungenpiercing und getunte Kleinwagen, in einem anderen Tal nur Kapuzenshirts und Fahrräder, in einem dritten werden auffällig bedruckte Marken-Sweatshirts getragen und BMW gefahren, in wieder einem anderen sind die Tarnfleckklamotten und der Elektropop noch nicht ausgestorben.

Man kann diese Stammeskulturen den Stadtbezirken nur vage zuordnen; mit einer Ausnahme, und das sind Berlin-Mitte und der Prenzlauer Berg. Hier dominieren die zugezogenen Westdeutschen der sogenannten Kreativbranchen (Werbung, Internet, Grafik, Publizistik) so stark, dass sie sich dem Geist der Stadt nicht beugen mussten. Sie unterscheiden sich von ihren Stammesbrüdern in Hamburg oder Düsseldorf nur insofern, als die in Retromoden der langsam wieder verblassenden Siebziger, der aufsteigenden Sechziger und Achtziger konsequenter und verzwickter und manischer sind. Über der Wahl der passenden Stehlampe zum überschmalen Herrenschuh sind schon Freundschaften zerbrochen.

Von alldem weiß der akademische Mittelstand in den waldigen und seendurchwirkten Südwestvorstädten nicht das Geringste; aber da sich nun einmal heute alles um alte oder neue Bürgerlichkeit dreht, sei doch so viel gesagt: Die Blazer mit den Goldknöpfen oder die gewagt gemusterten Tweedjacken, die in Westdeutschland oder auch den romanischen Ländern so hoch im Kurs stehen, sind bei der Berliner Bourgeoise nahezu unbekannt. Hier schätzt man eher graue Anzüge, die zerknittert getragen werden wie Jeans. Denn in Berlin, um es noch einmal zu sagen, geht nichts über ein wohlüberlegtes Maß Nachlässigkeit.

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Fiona Bennett bringt sie alle unter die Haube. Ben Becker und Christina Aguilera, Musicalstars und Models trugen Kreationen der Hutmacherin. Bennett-Modelle schmücken Promi-Köpfe. Und sie adeln die schöne Berlinerin, wenn sie in den Straßen der Stadt ihre eigene Show hinlegen möchte. Ob winzige apfelgrüne Baskenmützchen, dunkelgraue Filzkappen mit Silberblume oder duftige Federn-Tüll-Gespinste – mit einem dieser fabelhaften Hüte auf den Locken ist man ein stolzer Paradiesvogel, nie mehr graue Maus.

Große Hamburger Straße 25, Tel. 030/28096330, www.fionabennett.com

Prada kommt nicht in die Tüte. Frauen, die im Konk kaufen, wollen ausdrücklich Berlin-Couture. Bei Ettina Schultze und Sonja Lotz hängen fast ausnahmslos Kreationen junger Berliner Designer wie Kaviar Gauche, c.neeon, Wedel & Tiedeken. Die Modelle – perfekte Verarbeitung, eigenwilliger Stil – sind puristisch und doch feminin, zuweilen etwas schräg, aber niemals überkandidelt. Das spricht sich natürlich auch außerhalb herum. c.neeon etwa konnte bereits nach London, Paris und Tokyo expandieren.
Kleine Hamburger Straße 15, Tel. 030/28097839, www.konk-berlin.de

So strickt nur eine. Seit den Siebzigern ist Claudia Skoda eine Institution für alle Liebhaber der unkonventionellen Berliner Mode. Die mit höchstem Einfallsreichtum entworfenen Stücke schmücken sich mit Namen wie Skoda Wrap (überlanges Schultertuch aus Merinowolle) oder Schiefe Ebene (schwarz-weißer Ringelpulli mit schräg angesetztem Bündchen). Gestrickte Kleider, Jacken und Männerpullover komplettieren das Angebot – Hingucker allesamt.
Alte Schönhauser Straße 35, Tel. 030/2807211, www.claudiaskoda.com