Womöglich war es nur ein tragischer Zufall, und doch lässt sich bei dieser Musik der Gedanke an einen romantischen Topos nie ganz ausblenden: Gérard Griseys Quatre chants pour franchir le seuil (»Vier Gesänge, um die Schwelle zu überschreiten«) sind umweht von einer beklemmenden Todesahnung des Komponisten, wie Schuberts letzte Klaviersonaten, wie die großen Abgesänge von Mahler und Strauss. 1998 vollendete der Franzose seine dunkel getönte »musikalische Meditation über den Tod« für Sopran und 15 Instrumentalisten. Wenige Wochen später, noch vor der Uraufführung, erlag er im Alter von 52 Jahren einem Gehirnschlag. BILD

Es ist am Ende gleichgültig, ob Grisey tatsächlich geahnt hatte, dass er selbst schon bald die letzte Schwelle überschreiten sollte; im Nachhinein scheint es doch, als habe er sein ganzes Leben auf dieses eine Werk hingearbeitet. Nicht mit Noten wolle er komponieren, hat er einmal gesagt, sondern mit Tönen. Den Klang betrachtete er als Lebewesen, die Zeit als dessen Territorium und Atmosphäre. Es ist nicht zu überhören, wie tief der einstige Schüler Olivier Messiaens in einer spezifisch französischen Tradition von Klanglichkeit wurzelte. In ihr wurde er zum Neuerer, ihr erschloss er bis dahin ungeahnte Dimensionen. Am Computer durchleuchtete Grisey die Töne bis in ihr Innerstes, erforschte ihre Ein- und Ausschwingprozesse, ihre Obertonspektren bis hinein in den Bereich der Mikrotonalität. Und er entwickelte eine hohe Virtuosität darin, diese akustischen Phänomene – unendlich verlangsamt, gleichsam vergrößert – instrumental nachzubauen und in verschiedenen simultanen Zeitschichten beziehungsreich zu organisieren. Eine biomorphe Transformation der Klänge, die bald unter dem Schlagwort der Musique spectrale als ein neuer Weg des Komponierens jenseits von Tonalität und Serialismus rubriziert wurde.

In seinem umfangreichsten Werk, Les Espaces Acoustiques (1974 bis 1985), hat Grisey beinahe alle Möglichkeiten dieser Kompositionstechnik mustergültig aufgefächert, von der Solobratsche bis zum großen Orchesterapparat. In den Quatre chants aber tritt die Methode in den Hintergrund, wird vollends Mittel zum höheren Zweck. Vier ganz unterschiedliche Texte liegen diesen vier Gesängen zugrunde: ein Sprachspiel des französischen Lyrikers Christian Guez-Ricord, Textfragmente von altägyptischen Sarkophagen, einige Zeilen der altgriechischen Dichterin Erinna sowie ein Auszug aus dem Gilgamesch-Epos. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie reflektieren die Unabwendbarkeit des Todes in einer eigentümlich gelassenen Haltung. Grisey schuf einen Raum aus Klang und Zeit, der diese Abgeklärtheit aufs raffinierteste widerspiegelt. Am Ende erklingt ein zartes Wiegenlied, »nicht für das Einschlafen gedacht, sondern für das Erwachen einer Menschheit, die endlich von ihrem Albtraum befreit ist.« Gérard Grisey hat der Musik etwas zurückerobert, das am Ende des 20. Jahrhunderts schon beinahe vergessen schien: eine metaphysische Dimension.

Gérard Grisey: Quatre chants pour franchir le seuil (Kairos 0012252 KAI/Edel)