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Früher fiel der Name exotischer Länder vor allem im Reisebüro. Seit ein paar Monaten locken aber auch Banken mit Vietnam, Pakistan oder Ägypten. Die Pauschalreise lässt sich auf nächstes Jahr verschieben, aber Ihr Geld sollte längst unterwegs sein. Schließlich warten dort hohe Renditen auf alle, die investieren. So die Lockrufe.

Darin ähneln sich Anlagegesellschaften und Tourismusindustrie: Beide suchen die unberührten Landstriche für ihre Kunden. Ganz vorn mit dabei ist die Zertifikate-Industrie. Mit den kaum regulierten Investmentvehikeln bringt sie das Geld der deutschen Anleger in die letzten Winkel der Erde. Nach Vietnam beispielsweise, wo die streng überwachten Investmentfonds noch gar nicht investieren dürfen. Selbst die global am stärksten beachtete Indexfamilie von MSCI hat Vietnam noch nicht in den Rang eines Schwellenlandes gehoben, in dem investiert werden kann. MSCI Barra heißt die Firma, die diesen Index berechnet und pflegt. Sie ist so etwas wie der Türsteher, der darüber entscheidet, wer zum »investierbaren Universum« stoßen darf und wer nicht. Die Folge: Deutsche Kleinanleger besitzen heute mehr Möglichkeiten, ihr Geld international zu streuen, als die großen Pensionsfonds der Welt. Aber haben sie deshalb mehr Chancen, Gewinne einzufahren?

Die Welt der Schwellenländer wandelt sich rasant. Hohes Wirtschaftswachstum, Überschüsse bei Exporten und in den Staatsbudgets sowie geringe Schwankungen an den Kapitalmärkten klingen vielversprechend. Die sogenannten BRIC-Fonds für die vier Schwellenländer-Giganten Brasilien, Russland, Indien und China haben Milliarden Dollar eingesammelt und Anlegern bislang hohe Renditen beschert. Jetzt soll die Erfolgsstory der Finanzindustrie weitergehen mit neuen Ländern. » Next 11« heißen sie bereits im Börsenjargon.

Oft sei es bisher so gewesen: Bevor man als Investor Zugang zu einem Markt bekomme, sei der große Aufschwung schon wieder vorbei gewesen, sagt Ferdinand Haas, Leiter Strukturierte Produkte bei der DWS. Mit dem »3rd Wave«-Zertifikat von DWS Go können dagegen auch normale Leute von Anfang an dabei sein: »Dieses Zertifikat ist etwas grundsätzlich Neues. Es ist eine Abkehr vom starren Indexkonzept. Damit ermöglichen wir, in Ländern zu investieren, die bislang dem europäischen Investor verschlossen waren.«

Dazu hat die DWS einen Luxemburger Spezialfonds gegründet, der dem Zertifikat zugrunde liegt. Der Fonds wird aktiv gemanagt und erlaubt, unabhängig vom MSCI-Emerging-Markets-Index zu agieren. Die DWS zieht mit diesem breit gestreuten Zertifikat auch die Lehre aus ihrem Vietnam-Zertifikat, das zum Opfer seines eigenen Erfolges wurde.

Der Krieg und die Flüchtlingsdramen sind längst Geschichte. Heute boomt das Land. » An jeder Ecke sprießen neue Geschäfte aus dem Boden.

Die Straßen sind voller westlicher Modelabels. Vietnam ist ein junges, dynamisches Land in einer gewaltigen Aufbruchstimmung«, sagt Matthias Dühn. Der Rechtsanwalt leitet das im März neu eröffnete Büro von Rödl & - Partner in Ho-Chi-Minh-Stadt, der ersten deutschen Kanzlei, die den Sprung nach Vietnam gewagt hat, um deutsche Investoren dort zu betreuen. Auch die sozialistische Einheitspartei kann die gute Stimmung unter den Investoren kaum trüben. Die Wachstumsraten haben mit sieben bis acht Prozent seit 2001 fast chinesische Qualität.

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Die Börse lässt sich den Boom nicht entgehen: plus 145 Prozent im Laufe des vergangenen Jahres. Zwischen Sommer 2000 und Ende März dieses Jahres hat sich der Börsenindex etwa verzehnfacht. Auslöser für das jüngste Börsenfieber war der Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO im Januar. Damit einher ging eine Reihe von Gesetzen zur Liberalisierung des Handels und zur Sicherung von Investitionen. Ein Wertpapiergesetz stellt jetzt erstmals ausländische und inländische Investoren weitgehend gleich. Die WTO ist eine Garantie für den Reformkurs, so hoffen die Investoren.

»In Vietnam wurden wir vom Anlegerinteresse praktisch überrollt«, sagt Haas. Das Zertifikat allein hatte einzelne Werte im vietnamesischen Markt nach oben getrieben.

Der Markt in Vietnam hat mittlerweile eine Kapitalisierung von über 20 Milliarden Dollar. Gab es über Jahre nur einige Private-Equity-Fonds, wurde der Markt Ende 2006 von Anlegergeldern aus der Zertifikate-Industrie mit mehr als 100 Millionen Dollar überschüttet.

Die Bewertungen sind inzwischen jenseits aller Vernunft, einzelne Werte hatten vor wenigen Wochen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 100. Der heiß gelaufene Markt kühlt sich seit Mitte März bereits wieder ab. Von Vietnam lassen Investoren mit etwas Erfahrung im Augenblick die Finger, zumindest bis die Auswahl wieder größer ist, wenn wie angekündigt in den nächsten Monaten 22 Staatsunternehmen an die Börse kommen. Es gibt ja auch Alternativen.

Aber wer garantiert, dass das Vietnam-Syndrom nicht typisch ist für alle Next-11-Märkte? Diesen Märkten der neuen Generation ist gemeinsam, dass sie klein und damit den Spekulationslaunen der weltweiten Investoren besonders ausgesetzt sind.

Jim ONeill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, kennt diese Risiken, weil er und sein Team 170 Länder nach Investmentchancen abgegrast haben. ONeill hat schon das Kürzel »BRIC« erfunden, jetzt treibt ihn die Frage um, welche Länder im Jahr 2050 einen spürbaren Einfluss in der Weltwirtschaft haben werden. Es zeigte sich: Das Hauptkriterium für Wachstum war die Einwohnerzahl. Hier finden sich dann Länder wie Bangladesch, Mexiko, Indonesien, Pakistan, Nigeria, alle mit deutlich über 100 Millionen Einwohnern. So wird nach ONeills Berechnungen Nigeria im Jahr 2050 Frankreich überflügeln im Bruttoinlandsprodukt, nicht im Pro-Kopf-Einkommen.

ONeills Fragestellung war also nicht die eines Investors. Diesen interessiert letztlich das Wachstum von Produktivität und Gewinnen, das dann die Aktienkurse treibt. Darum ging es ONeill aber gar nicht.

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Ihm ging es um schiere Größe und impact, also um den absoluten Zuwachs an Wirtschaftsleistung und Nachfrage. » Die Next 11 sind schlicht eine Gruppe von elf sehr verschiedenen Ländern mit großer Bevölkerung«, sagt ONeill. » Wir haben uns angeschaut, welche Chancen sie haben, so etwas wie BRIC zu werden also groß genug zu sein, um Einfluss auf die Weltwirtschaft zu haben.« Allerdings habe nur Mexiko ein solches BRIC-Potenzial, meint der Chefvolkswirt. Er warnt deshalb davor, die Idee der »Next 11« als Anlagetipp wörtlich zu nehmen. Nur wenn diese Länder ihre Wachstumsbedingungen deutlich verbesserten, könnten sie zu interessanten investment stories werden.

Das hindert viele Institute wie die DWS, ABN Amro oder Goldman Sachs nicht daran, mit dem Schlagwort »Next 11« Zertifikate zu verkaufen, und stößt bei Marktbeobachtern auf Kritik. » Next 11 ist eine Marketing-Masche«, sagt Natalia Wolfstetter. Ein roter Faden sei nicht zu erkennen. Auch leuchte die Mischung aus Anlegersicht nicht ein.

»Der Bogen wird von Südkorea bis zu Märkten wie Nigeria sehr weit gespannt«, sagt die Analystin der Fondsrating-Gesellschaft Morningstar. Genau das finden die Befürworter von Next 11 allerdings gerade gut und verweisen zum einen auf die »geringe Korrelation«, die voneinander relativ unabhängige Entwicklung dieser Aktienmärkte. Zum anderen spreche die stets angeratene »Diversifikation«, also die breite Streuung des Kapitals über einzelne Grenzen hinweg, für eine solche Strategie.

Konsens gibt es hingegen in einer anderen Frage: Relativ arme Länder werden langfristig an Wachstum und damit auch an Rendite aufholen.

Aber haben die derzeitigen Kursgewinne an den Schwellenländerbörsen so viel damit zu tun? Anlegern könnte es egal sein Hauptsache, die Kurse weisen nach oben. Doch das täuscht. » Wir erleben derzeit eine Schönwetterlage. Sollte sich das Bild eintrüben und sollten Investoren Geld abziehen, kann sich das schnell ins Gegenteil umkehren«, so Wolfstetter. Statt der günstigen demografischen Entwicklung der kommenden Jahrzehnte können dann sehr schnell ganz andere Themen wichtig werden, wie die Corporate-Governance-Qualität der Unternehmen, in die man investiert.

So entpuppt sich Next 11 als Idee nur für Anleger mit einem Horizont bis 2050. Alle anderen sollten gewarnt sein. Denn Finanzprodukte haben sich in der Vergangenheit immer dann besonders gut verkauft, wenn sie gerade im Nachhinein gesehen Höchststände erreicht hatten. » Manche Anleger glauben, sie müssten die Ersten sein. Dumm nur, wenn sie dort dann feststellen, dass die anderen schon längst da sind. Das ist die große Gefahr«, warnt Oliver Stönner, Schwellenländerexperte bei cominvest. Nicht viel besser ist es, wenn sie feststellen, dass niemand mitgekommen ist. Auf das richtige Timing und auf die Wahl des Landes kommt es an. Das ist beim Geldanlegen nicht viel anders als beim Urlaub.