Geöffnet wird mittags um zwölf. Spätestens um eins stehen sie Schlange vor dem Lokal in der Alten Schönhauser Straße 46, das aus Prinzip keine Reservierungen annimmt. Wo schon Brad Pitt und Jack Nicholson eingekehrt sein sollen. Was gibts da drin so Besonderes? Einen Tresen mit Hockern und eng zusammengerückte Holztische. Orangerote Wände, ein paar orangerote Blumengebinde und ein kleiner Altar mit Räucherstäbchen erinnern an Asia-Wellnesslandschaften. Es gibt zwei Tagesgerichte und ein wenig à la carte, alles flink angerichtet in einer Schüssel zum Preis von etwa 6 Euro. Das Besondere: Es ist vietnamesisch.

Wer dieser Tage durch Mitte und Prenzlauer Berg schlendert, findet an fast jeder Ecke ein ähnliches Bild: eine unscheinbare vietnamesische Gaststätte mit vielen Leuten darin oder sogar davor. Das ist neu. Vor zehn Jahren gab es vielleicht zehn vietnamesische Restaurants in Berlin, heute eröffnet alle paar Wochen ein neues Lokal.

Der Erfolg hat ein Gesicht, oder besser: ein Porträt. Es wurde 1960 in Saigon aufgenommen und zeigt einen muskulösen jungen Mann mit einem strahlenden Lächeln das stolze Gegenteil vom Klischeebild des servilen Asiaten. Das ist Hoanh Vuong, jener »Monsieur Vuong«, dem das Szenelokal in der Alten Schönhauser seinen Namen verdankt. Sein Sohn, der Besitzer, hat es aufhängen und Karten damit drucken lassen. Es ist das Logo des ersten und bekanntesten der neuen vietnamesischen Restaurants.

Dat Vuong hat die markante Erscheinung seines Vaters nicht geerbt. Auf den ersten Blick wirkt er zerbrechlich - doch das verliert sich, sobald man ihn durch sein Restaurant wirbeln sieht. Er ist 36 Jahre alt und ein angesehener Gastronom und begeisterter Vermittler der Esskultur und Lebensart des Landes, in dem er geboren wurde. Vielleicht gerade darum, weil er als kleiner Junge ihren Niedergang erlebt hat. Er war fünf, als die amerikanischen Truppen abrückten und Südvietnam dem kommunistischen Norden einverleibt wurde. Der Vater hatte als Kriegsreporter auf der Verliererseite gestanden. Für die Familie begann eine schwere Zeit. Dat Vuongs Mutter und zwei seiner Geschwister konnten 1980 mit der Cap Anamur nach Deutschland fliehen.

Sein Vater und er folgten sieben Jahre später.

Vuong hat ein Japanologie-Studium begonnen, dann gekellnert - an diese Zeit denkt er nicht so gern zurück. » Ich hatte Ideen, was man besser machen könnte. Aber die Chefs wollten nie etwas davon hören.« Also wurde er 1998 sein eigener Chef, mit einem Stehimbiss in der Gipsstraße, einem weniger geschniegelten Teil von Mitte: »Monsieur Vuong, Indochina Café«.

Fettarm, oft vegetarisch die Gerichte treffen den Zeitgeschmack