Es ist gar nicht lange her, da waren in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen arbeitslos, das Land war fast pleite, und der Sozialstaat galt als nicht mehr finanzierbar. So verkündeten es zumindest die Ökonomen. Sie rechneten die jüngste Vergangenheit hoch und lieferten Horrorprognosen. Das ist noch nicht einmal zwei Jahre her. Man denke nur an die Plakate der CDU im Bundestagswahlkampf 2005 ("Tag für Tag 1000 Arbeitsplätze weg").

Heute weiß der Finanzminister angesichts wieder hochgerechneter Steuereinnahmen schon nicht mehr, wie er die Wünsche seiner Kabinettskollegen ablehnen soll, bei geschätzten knapp 200 Milliarden Euro Mehreinnahmen bis 2011. Deutschland ist die neue Wachstumslokomotive Eurolands, die Zahl der Arbeitslosen ist binnen zwei Jahren um knapp 20 Prozent gesunken.

Was wird 2030 sein, wenn die Babyboomer in Rente gehen? Wenn weniger Erwerbstätige viel mehr Ruheständler versorgen müssen? Zwei Kommissionen haben sich kurz nach der Jahrtausendwende diese Fragen gestellt: Die Herzog-Kommission und die Rürup-Kommission, benannt nach ihren Vorsitzenden, dem ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog und dem einflussreichen Regierungsberater Bert Rürup.

Die Kommissionen haben getagt, gerechnet und das Jahr 2030 exakt prognostiziert: Dann werden in Deutschland 32,4 Millionen Menschen einer Arbeit nachgehen, schätzte Herzog. Falsch! 37,75 Millionen Menschen, das hatte jedenfalls Rürup berechnet. Die Produktivität der deutschen Wirtschaft wird in den Jahren 2002 bis 2030 um 1,25 Prozent pro Jahr (Herzog), vielleicht aber auch um 1,8 Prozent pro Jahr (Rürup) zulegen. Dazu muss man wissen: Die Produktivität ist die Wunderwaffe der Ökonomie. Je stärker sie steigt, desto wohlhabender wird die Volkswirtschaft. Nach Herzog stiege das Bruttoinlandsprodukt bei gleichem Arbeitseinsatz bis 2030 um 42 Prozent, nach Rürup um 65 Prozent gegenüber dem Jahr 2002. Das ist viel Wohlstand für mehr Autos, Urlaubsreisen, aber natürlich auch zur Finanzierung der Renten.

Doch auf diese Prognosen darf man nicht viel geben. Wenn Volkswirte noch nicht einmal in der Lage sind, das Wachstum der nächsten zwei Jahre halbwegs vorherzusagen, wie sollen sie dann 30 Jahre in den Griff bekommen? Auch die Demografie ist keineswegs eine ruhmreiche Wissenschaft. Ihre Geschichte ist mit krassen Fehlprognosen gepflastert, angefangen bei Thomas Robert Malthus, der um 1800 die Verelendung der Massen vorhersagte, weil sich die Menschheit in den Industrieländern exponentiell vermehren werde. Seinen Nachfolgern erging es kaum besser.

Der einzige Rat nach diesen Fehlurteilen lautet: Gelassenheit. Auf allen Kontinenten mit Ausnahme Afrikas sind die gleichen Trends zu beobachten: Die Frauen bekommen immer weniger Kinder, und die Menschen werden immer gesünder und leben deshalb immer länger. Das gilt für China genauso wie für Brasilien oder Indien. Und in allen Ländern der Welt müssen die Jungen für die Alten arbeiten – ganz gleich, wie die Altersvorsorgesysteme aufgebaut sind.