DIE ZEIT: Mr. Wainwright, wir sind enttäuscht, dass Sie zum Interview nicht Ihre Lederhose tragen.

Rufus Wainwright: Aber nein, so ein Kleidungsstück hebt man sich für spezielle Anlässe auf. Wenn ich sie jeden Tag anhätte, wäre ich in zehn Jahren eine dieser Gestalten, die auf den Straßen herumirren und Leute um Geld anbetteln. Die Lederhosen hätten mich in den Wahnsinn getrieben.

ZEIT: Wo kriegt man so was noch?

Wainwright: Ich war mit Jörn, meinem Freund, der Deutscher ist, zum Skifahren in Österreich. In Zell am See fanden wir dann diesen kleinen Laden, wo eine Familie in Handarbeit Lederhosen herstellt. Es hat uns gerührt: Seit 500 Jahren machen sie nichts als Lederhosen, Tag für Tag. Und weil ich, wie jeder dumme Amerikaner, hin und weg war von Österreich, musste ich mir ein Paar machen lassen.

ZEIT: Sie wissen aber, dass wir in Europa auch schon Kapitalismus haben?

Wainwright: Wirklich? Seit wann? Nein, im Ernst, ich hatte schon immer dieses romantische Verhältnis zur europäischen Kultur, und für rückständig halte ich sie gar nicht, höchstens für seltsam. Auf prachtvolle Weise seltsam.

ZEIT: Woher diese Europa-Faszination?

Wainwright: Erziehung, Musik, Bücher. Erst vor Kurzem habe ich Die Betrogene gelesen, von Thomas Mann. In der Geschichte geht es auch um einen jungen Amerikaner, der nach Deutschland kommt, und all die Herzen fliegen ihm zu. Er geht spazieren, ist fasziniert von all den Schlössern. Er kennt die Geschichten, die sich darum ranken, und doch weiß er nichts von den Leuten um ihn herum. Er geht durch das Land wie durch einen Traum.

ZEIT: Sie sind ein Ästhet, der nur sieht, was er sehen will.

Wainwright: Ich gebe zu, dass mein Blick auf die Dinge stark von Fantasien geprägt ist. Es ist wohl etwas sehr Amerikanisches, nach Europa zu kommen und überall nach Butzenscheiben zu suchen.

ZEIT: Eines Ihrer neuen Stücke heißt Sanssouci, ein anderes Tiergarten, wobei so, wie Sie es singen, ein tear garden draus wird. Was fasziniert Sie an Berlin?

Wainwright: Es hat mich an einen Ort gezogen, an dem wirklich Schreckliches passiert ist und die Geister davon bis heute umgehen. Ich kam darauf, weil es in New York immerzu hieß: Oh, nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es war, wir sind total ruiniert. Den Leuten sagte ich: Moment mal, an anderen Orten ist viel Schlimmeres passiert. Was ich dann in Berlin entdeckt habe, waren aber nicht Ruinen, es war die Fähigkeit zur Selbsterneuerung.

ZEIT: Das sagt der Bürgermeister auch immer. Ist Ihnen bekannt, dass Berlin pleite ist?

Wainwright: Es überrascht mich nicht. Wahrscheinlich geht es deswegen so lustig zu dort.