Wenn in Brüssel der Fortschritt ausgeheckt wird, entstehen kalte bürokratische Monster, so lautet die landläufige Meinung. Das neue einheitliche EU-Chemikalienrecht Reach scheint da keine Ausnahme zu machen: Wenn es am 1. Juni in Kraft tritt, müssen rund 30000 seit Jahrzehnten genutzte Chemikalien bei der neuen Europäischen Agentur für chemische Stoffe in Helsinki registriert werden. In der gewaltigen Lobbyschlacht, die der Verabschiedung des Regelwerks im Dezember vorausging, wurden nur Opferszenarien an die Wand gemalt. Die Wirtschaft sah Kosten in Milliardenhöhe auf sich zukommen, Verbraucher- und Umweltverbände monierten, die Bürger würden hinters Licht geführt.

Und Tierschützer warnten vor dem großen Schlachten: Bis zu 35 Millionen Versuchstiere müssten pro Jahr EU-weit zusätzlich getötet werden, um die Altstoffe auf ihre Gesundheits- und Umweltverträglichkeit zu testen. Derzeit liegt die Zahl bei schätzungsweise zehn Millionen, davon rund zwei Millionen in Deutschland. " So, wie derzeit konfiguriert, ist Reach grausam", urteilte Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater der Tierschutzorganisation Peta. Hat die EU den Tierschutz tatsächlich der Umweltpolitik geopfert?

"Man muss überhaupt nicht wesentlich mehr Tierversuche machen", hält Horst Spielmann dagegen, der lange Jahre beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Alternativen zum Tierversuch bewertet hat und selbst neue Verfahren entwickelt, chemische Substanzen in Zellkulturen auf toxische Wirkungen hin zu überprüfen. " Es geht bei Reach vor allem darum, in Unternehmen bereits vorhandene Daten aus alten Untersuchungen offenzulegen", sagt Spielmann, der auch in einem Reach-Implementierungsgremium der EU sitzt. Er schätzt, dass für 80 Prozent der fraglichen Stoffe schon die entsprechenden Informationen vorliegen.

Um den Streit richtig zu verstehen, muss man zunächst Reach genauer betrachten. Die Verordnung bezieht auch Chemikalien ein, die vor 1981 auf den Markt kamen. Damals trat das bisherige europäische Chemikalienrecht in Kraft und ließ die Altstoffe außen vor. Auf ihre Unbedenklichkeit mussten nur Substanzen geprüft werden, die nach dem Stichtag entwickelt wurden das waren seitdem etwa 4000. Rund 100000 Stoffe gab es aber schon vorher. Reach verlangt nun, dass Hersteller und Importeure all diese Stoffe in Helsinki registrieren lassen, sofern davon mehr als eine Tonne pro Jahr erzeugt wird.

Behörden beharren aus Gewohnheit auf Versuchen am lebenden Tier

Welche Daten dabei eingereicht werden müssen, ist abhängig vom jeweiligen "Mengenband". Ab zehn Tonnen pro Jahr muss neben einem technischen Dossier ein Stoffsicherheitsbericht vorgelegt werden - Mengen ab 100 beziehungsweise 1000 Tonnen pro Jahr verlangen nach weiteren Daten zur Toxikologie beim Menschen und zur Ökotoxikologie.

Stellt die Chemikalien-Agentur ein Gefährdungspotenzial für einen Stoff fest, kann sie ein Zulassungsverfahren einleiten, in dem weitere Tests vorgesehen sind.