Monrovia im Jahre zwei der neuen Zeit: Die Stadt sieht aus, als wäre eine Brigade von Berufsoptimisten und Motivationstrainern einmarschiert. »Lazy Man, No Food« steht auf den Schubkarren der Tagelöhner. »Peace, Love and Freedom« verziert die Stoßstangen der Sammeltaxis, Schilder mit dem Appell »Halte deine Stadt sauber« ragen aus den Müllbergen. Mit dem erhebenden Motto »Hallelujah Taekwondo« schickt der örtliche Kampfsportverein seine Schützlinge sonntagmorgens um sechs Uhr zum Schattenboxen zwischen Kriegsruinen. Wer keine Lust auf Sport hat, kann sich abends in einer Bar mit dem schönen Namen »Der Sturm ist vorbei« besaufen. Über allem aber ragt sie. Das Konterfei der Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, von allen Ma Ellen genannt, ist überlebensgroß an Mauern gepinselt und mit den Worten eingerahmt: »Liberia will rise again«. Liberia wird wieder auferstehen. Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf ist Afrikas erste gewählte Staatschefin BILD

Ellen Johnson-Sirleaf ist Afrikas erste gewählte Staats- und Regierungschefin. In Liberia gehen die Meinungen über ihre ersten 16 Amtsmonate auseinander, aber eines bestreiten selbst ihre größten Widersacher nicht: Ma Ellen hat das Image des Landes schlagartig verändert. Liberia war nach 14 Jahren Bürgerkrieg ein Synonym für Afrikas endgültigen Absturz in die Anarchie. Sein mediales Markenzeichen war ein drogensüchtiger Kindersoldat mit Flipflops und Kalaschnikow. Heute gilt Liberia als aussichtsreichster Fall in Sachen Wiederaufbau. Und sein Markenzeichen ist eine 68-jährige Finanzexpertin mit streitlustigem Lachen, Harvard-Abschluss und einer Vorliebe für traditionellen Kopfschmuck.

Das Wirtschaftsmagazin Forbes platzierte Ma Ellen vergangenes Jahr auf Rang 51 der 100 mächtigsten Frauen der Welt. Westliche Regierungen preisen ihren Reformeifer. In ihrem Kabinett sitzen ausgewiesene Fachexperten. Einer der renommiertesten liberianischen Menschenrechtler leitet das Arbeitsministerium – ein Signal der besonderen Art an alte und neue Investoren, die unmenschliche Arbeitsbedingungen für einen Kollateralschaden halten. Ma Ellen hat eine »Null Toleranz«-Politik gegen die allgegenwärtige Korruption im Land ausgerufen. Internationale Finanzexperten achten bei den Zollbehörden, beim nationalen Schiffsregister und den Steuerämtern auf Transparenz und einigermaßen korrekte Buchführung.

»Die anderen Frauen werden die Tür zur Macht ganz öffnen«

Damit nicht genug, verkündete die Präsidentin gleich zu Beginn ihrer Amtszeit eine neue Ära für die Frauen des Landes. »Ich habe die Tür zur Macht einen Spalt aufgedrückt«, sagt sie, »die anderen Frauen werden sie ganz öffnen.« Vier Ministerien, darunter Justiz und Finanzen, sowie die nationale Polizei werden von Frauen geleitet. Frauen sollen mindestens 20 Prozent der neu auszubildenden 3500 Polizeirekruten ausmachen. Das hat Signalwirkung in einem Land, in dem während des Krieges 70 Prozent aller Mädchen und Frauen vergewaltigt worden sind.

Als die Präsidentin im März vergangenen Jahres ihren als Kriegsverbrecher angeklagten Amtsvorgänger Charles Taylor an ein UN-Sondergericht überstellte, blieb denn auch niemandem die Symbolik dieses Vorgangs verborgen: Eine »eiserne Großmutter« hatte den einst größten Kriegsherren der Region von der politischen Bühne gestoßen.