Ein Café voller Menschen darunter auch das neue Gesicht des deutschen Films. Nur wo? Man sorgt sich, den Schauspieler, den viele Filme als Inbegriff der Gewöhnlichkeit feiern, nicht auf Anhieb zu erkennen. Devid Striesow gilt als Jedermann, als Schauspieler ohne Paraderolle. Ein echtes Novum nach dem robusten Götz George, dem verständnisvollen Daniel Brühl, dem freundlichen Gauner Jürgen Vogel und dem Denker Moritz Bleibtreu. In den vergangenen zwei Jahren hat Striesow an 25 Projekten mitgewirkt, trotzdem ist sein Name noch nicht wirklich bekannt. Bei jedem neuen Film mit ihm scheint es, als habe er seine Richtung gefunden dann kommt der nächste Film, und darin ist er wieder auf verblüffende Weise anders. Devid Striesows Gesicht vermag es, fast jede Identität darzustellen: den heuchelnden Ehemann in Eden, den besorgten Parkwächter in seinem aktuellen Kinofilm Valerie, den Geschäftsmann in Christian Petzolds neuem Film Yella und den ostdeutschen Matratzenverkäufer in Lichter.

Die Tür zum Café geht auf. Jetzt erst kommt Devid Striesow er ist es ohne Zweifel. Die Angst, ihn zu übersehen, erweist sich als unbegründet. Striesow sorgt sofort für Aufmerksamkeit. Groß, breit und laut betritt er die Szene, im Schlepptau seine WG aus Berlin-Pankow: sein Bruder Sven, der breite Mops Basta und der kleine Mops Buddy.

Striesow trägt Jeans und ein ausgewaschenes grünes T-Shirt mit dem Schriftzug "Pink Floyd" auf der Brust. Seine Haut ist gebräunt, seine kurzen Haare sind frisch blondiert. Kein Jedermann. Ein Typ nur keiner von denen, die er je in einem seiner Filme gespielt hat. Das Gefühl, ihn zu kennen, bloß weil man seine Filme kennt, stellt sich nicht ein. Wie angenehm überraschend. Devid Striesow, wie er hier sitzt und sein Pilsner Urquell trinkt und Fratzen schneidet, wirkt wie ein Handwerker nach einem erfüllten Arbeitstag. Allein seine Statur ist die des Obersturmbannführers Friedrich Herzog im KZ-Drama Die Fälscher.

Für diese Rolle wurde der 33-jährige Striesow gerade mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Dass trotzdem in den Medien überall nur die strahlenden Gesichter der Siegerinnen Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu zu sehen waren, ist schnell zu erklären. Striesow erzählt die Geschichte seines Abends der Preisverleihung, sie handelt von einem polnischen Tramper und einem Autounfall. Er lacht laut, mit einer Spannung im Gesicht, dass sich um seine blauen Augen zitternde Kerben bilden. Wie ein kurzes Beben geht das Schauspiel vorüber. Er erzählt von dem Abend, als er mit seinem Bruder und dem Tramper einen Unfall auf der Autobahn hatte und dort auf die Polizei wartete, während man ihm in Berlin den Deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle überreichen wollte. " Eine Verspätung muss man leider einkalkulieren, wenn man erst einen Tag vorher losfährt", sagt Striesow, der vom Urlaub in Kroatien direkt zur Verleihung wollte. Es wäre die Gelegenheit gewesen, endlich mal dafür zu sorgen, dass man sich seinen Namen merkt und das Gesicht dazu. " Ich will gar nicht, dass mich jeder kennt", sagt er. Auch heute will er seine Projekte nicht nach der Zahl seiner Szenen auswählen. " Es geht nicht darum, wie viel ich sage, sondern was ich zu sagen habe und ob der Charakter Dichte hat." Im Zweifel bleibe er doch lieber bei seinen Nebenrollen.

Mit denen lag er bisher meist richtig. Während der Berlinale 2007 war er gleich in beiden deutschen Wettbewerbsfilmen zu sehen, Die Fälscher und Yella jeweils in einer "tragenden" Nebenrolle, wie die Kritik lobte.

Devid Striesow wuchs in Rostock auf. Sein Vater ist Elektriker, die Mutter Kinderkrankenschwester. Sein Bruder Sven ist gelernter Tischler. Devid wollte Goldschmied werden, bekam nach der Wende die Gelegenheit, Abitur zu machen, und lernte danach an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Nach seinem Abschluss wurde er mit dem Hinweis entlassen, er könne alles spielen, außer den Hamlet dafür sei er nicht der Typ. Inzwischen hat er am Schauspielhaus Düsseldorf unter der Regie von Jürgen Gosch den Hamlet gemimt. Auch um zu beweisen, dass er nicht festzulegen ist auf bestimmte Rollen. " Nichts ist schlimmer als ein Image", sagt der Schauspieler Striesow der alles ist, aber kein Jedermann.