Der Tod entriss ihr früh den Vater: Der eigenwillige Pfarrherr, den sie zeitlebens idealisierte, hinterließ ihr wenig mehr als einen Adelstick. Mit Stolz trug sie die Vornamen der Töchter seines fürstlichen Gönners. Schon dies prädestinierte sie für Besseres als eine bescheidene bürgerliche Existenz. "Ich meine, wir Frauen der vornehmen Stände sollen uns nicht dem Volkswohl widmen, denn uns trennt ein Abgrund von der Anschauungsweise dieser Leute, sie sind und bleiben gemein." Ihre Mutter konnte ihr weder Vorbild noch Rückhalt sein, denn die junge Witwe war das Aschenputtel in einem Frauenhaushalt, in dem die sittenstrenge Schwiegermutter samt ihren beiden ledigen Schwestern das Kommando führte.

Gegen die Übermacht dieser vier Frauen verband sich das hübsche blond gelockte Mädchen in einem Schutz- und Trutzbündnis mit dem zwei Jahre älteren Bruder. Er verlieh ihr einen nicht sehr schmeichelhaften Spitznamen aus der Tierwelt, den allein er benutzen durfte. Dies zitierte sie später oft und gerne als Zeichen inniger Verbundenheit, unterschlug dabei jedoch eine ziemlich unangenehme Eigenart des Tieres. Der Bruder dagegen hatte sicher daran gedacht…

Die aufgeweckte Schülerin lernte leicht, schielte allerdings, wenn sie etwas an der Schultafel erkennen wollte. Dass man ihr einen "Silberblick" nachsagte, muss sie sehr gekränkt haben: Jahrzehnte später übertrug sie die Nachrede offensiv als Namen auf einen besonderen Ort. Vorerst aber war sie damit beschäftigt, ihren Bruder als Vaterersatz zu installieren und anderen gegenüber als Genie zu preisen. Sie übernahm seine Gedanken, ohne sie immer zu verstehen. Als sie mit trauriger Miene im Städtchen herumlief und nach dem Grund gefragt wurde, zuckte sie die Achseln und sagte: "Er hat recht, die Welt ist ein Jammertal. Und am besten wäre es, man wäre nicht geboren."

Der Bruder warf ihr ihre gesellschaftlichen Ambitionen vor und dass ihr Ehrgeiz sich nicht auf intellektuelle Betätigungen richtete. Er animierte sie zu akademischen Studien und Bildungsausflügen in die Residenz, öffnete ihr jedoch auch die Tür zu besseren Kreisen und bedeutenden Menschen. Über ihre literarischen Versuche mokierte er sich und tadelte ihren Briefstil, der von "ach", "oh", "herrlich", "wunderbar" und "bezaubernd" überquoll.

Als das Verhältnis zum Bruder spannungsreich geworden war und alle Welt sie schon als alte Jungfer sah, heiratete sie einen rassistischen Wirrkopf und Vegetarier. Ihr Plan zu der Verbindung war an einem weihevollen Ort gereift, dort hatte sich das zukünftige Paar in der Entourage eines Gesamtkunstwerkers kennen gelernt. Sie folgte ihrem Mann in die Ferne, wo er eine rassereine Siedlung gegründet hatte. Seine Utopie schlug fehl, der enttäuschte Gründer brachte sich um, die Witwe hingegen rettete sich mit Geschick vor dem finanziellen Absturz. Nach ihrer Rückkehr ergriff sie entschlossen ihre Chance und nutzte den renommierten Bruder als Instrument ihrer Sucht nach Ruhm und Anerkennung. Als lange nach seinem Tod die Verdienste der mittlerweile 75-Jährigen öffentlich gewürdigt wurden, flüsterte sie einer Freundin zu, der akademische Rang sei ja ganz schön, der Titel "Exzellenz" sei ihr aber lieber.

Wer wars?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 20:
Billie Holiday (1915-1959) geboren als Eleonora Harris im Schwarzenghetto von Baltimore, Maryland, gilt vielen bis heute als beste Jazzsängerin der Welt. Der leise Protestsong "Strange Fruit" gegen die rassistische Lynchjustiz in den Südstaaten war ihr größter Erfolg zu Lebzeiten. Nach ihrem frühen Tod rankten sich Mythen und Legenden um ihr Leben. Ihre Autobiografie "Lady sings the Blues" wurde 1972 mit Diana Ross verfilmt