Zwölf Jahre lang schien es so, als sei die Liberalisierung des Telekom-Marktes in Deutschland eine Erfolgsgeschichte. Der Staat profitierte von Verkaufserlösen, neue Anbieter belebten den Wettbewerb, die Verbraucher freuten sich über sinkende Preise. Und selbst die Mitarbeiter des privatisierten Exmonopolisten zeigten sich einsichtig für den gewaltigen Um- und Abbau, den eine so gigantische Reform mit sich bringt. Rund 120.000 Stellen wurden bereits gestrichen, und fünf Vorstandsvorsitzende strukturierten den Konzern bislang 18 Mal um.

Seit Freitag vergangener Woche ist dieses Kapitel der Geschichte beendet. Weil der neue Telekom-Chef René Obermann nicht nur 32.000 Stellen streichen, sondern auch 45000 Servicemitarbeiter in neue Gesellschaften auslagern, sie dort sehr viel schlechter bezahlen und die Niedriglohntöchter danach womöglich verkaufen will, rebellieren die Beschäftigten im ganzen Land. Der Konzern steckt im größten Arbeitskampf seit seiner Privatisierung. Dabei geht es nicht nur um weniger Gehalt und längere Arbeitszeiten. Offensichtlich sind die Mitarbeiter der Telekom nicht länger bereit, eine Liberalisierungspolitik zu akzeptieren, die nach ihrer Auffassung allein zu ihren Lasten geht. Die Bundesregierung aber lässt das alles kalt. Der noch immer mächtigste Anteilseigner der Deutschen Telekom duckt sich weg.

Der Kundenschwund ist gerade das Ziel der Liberalisierung

»Wir müssen bei den Arbeitskosten wettbewerbsfähiger werden«, sagt Obermann. Erreichen will er das vor allem durch Einsparungen im Servicebereich. Dort würde sehr viel besser verdient als bei der Konkurrenz, so der Telekom-Chef. Ver.di aber weist die vom Konzernvorstand verbreiteten Gehaltsvergleiche strikt zurück. »Sie sind unredlich«, sagt Lothar Schröder, Mitglied des Bundesvorstandes der Gewerkschaft und Aufsichtsratsmitglied der Telekom. Es würden hochkomplexe Tätigkeiten von Telekom-Mitarbeitern mit sehr einfachen Tätigkeiten in Callcentern verglichen. Und die Monteure bei den Wettbewerbern verdienten mindestens so viel wie deren Kollegen bei der Telekom.

Auch in internationalen Vergleichen des Umsatzes pro Mitarbeiter kommt der deutsche Konzern meist schlecht weg. Allerdings wird darin in der Regel unterschlagen, dass der Telefonriese mit T-Systems eine Tochter im Unternehmen hat, die das IT-Beratungsgeschäft betreibt. Das aber ist besonders personalintensiv. Keine andere Telefongesellschaft in Europa kann damit aufwarten.

Martina Krogmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hält Obermanns Pläne dennoch »für absolut notwendig«. Sie glaubt, »dass der Service nach der Umstrukturierung besser wird«. Auch Rainer Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD, kann »betriebswirtschaftlich nachvollziehen, dass Obermann die Löhne senken muss«. Allerdings fürchtet er zugleich, dass die Gehälter immer stärker ins Rutschen kommen, wenn die alternativen Anbieter als Reaktion auf Kostensenkungen bei der Telekom auch ihr Lohnniveau weiter drücken. »Das führt zur Endlosschraube nach unten«, sagt Wend. »Und das subventionieren wir auch noch.« Beschäftigte mit zu geringem Einkommen haben nämlich einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Eine Lösung könnten branchenweite Tarifverträge sein. Kämen die nicht zustande, »brauchen wir Mindestlöhne«, so Wend.

Bei der Telekom bleibt derweil die Frage, ob Obermanns Pläne geeignet sind, den Dienst am Kunden zu verbessern. »Den Service mit demotivierten Mitarbeitern zu verbessern, die demnächst weniger Geld bekommen oder länger arbeiten müssen, halte ich für schwierig«, sagt Andreas Mark, Fondsmanager bei Union Investment. Dabei habe der Telekom-Chef kaum andere Chancen, als sich im Wettbewerb durch Servicequalität abzugrenzen. Und die Managementberatung Mercer fand jetzt heraus, dass die Festnetzanbieter die Kundenbedürfnisse »grundlegend falsch einschätzen«. Die Servicequalität habe inzwischen einen größeren Stellenwert als der Preis. Darüber hinaus, so Andreas Mark, könne Obermann nur mit innovativen Produkten überzeugen. Andere Möglichkeiten blieben ihm so gut wie verschlossen.

Das liegt vor allem daran, dass der Exmonopolist ein gefesselter Riese ist. Er kann am Markt nicht – wie andere Konzerne – frei agieren. Um dem Wettbewerb eine Chance zu geben, wurde er verpflichtet, seine Netze und neue Dienste auch den Rivalen zur Verfügung zu stellen. Die Netzagentur legt dafür die Preise fest. Wettbewerber wie Arcor oder Alice aber kalkulieren genau. Sie nutzen Technik und Infrastruktur der Telekom nur dort, wo sich eigene Investitionen nicht rentieren. In einigen Regionen sind manche Wettbewerber überhaupt nicht präsent. Experten nennen das Rosinenpicken. Das senkt die Kosten – und ist der Telekom verboten. Sie muss allen Menschen flächendeckend einen Telefonanschluss und damit auch einen Internetzugang zu liefern, egal wo sie wohnen.