Es ist ein Samstag für Karottenkuchen. Andere würden vielleicht sagen, es sei ein Samstag für Eis und kurze Ärmel, denn die Sonne streichelt die Menschen auf den Straßen Londons. Aber ein Fußballprofi Stunden vor dem Spiel hat nicht die innere Ruhe, den Frühling zu genießen. Er muss seine Anspannung bekämpfen, und Moritz Volz hat die ultimative Spielvorbereitung gefunden: Kuchenbacken.

Er hat die Küche zur Sperrzone für seine Freundin Anneke erklärt. "Ich belasse es ja nicht bei einem Kuchen", sagt er, "drei müssen es schon sein", bis seine Nerven einigermaßen beruhigt sind. "Aber keine Angst", sagt er, vermutlich weil er bemerkt hat, wie der Blick unvermeidlich auf seinen Bauch glitt, "ich esse die Kuchen nicht alle selbst. Und auch nicht vor dem Spiel." Die Nachbarn und seine Mannschaft, der englische Erstligaklub FC Fulham, sind dankbare Abnehmer.

Vor jedem Spiel backt er Kuchen, je nach Gegner fein oder grob

Vor acht Jahren, mit 16, ist Moritz Volz aus Siegen des Fußballs wegen allein nach London ausgewandert. Es gab einen schönen Wirbel, denn er war der erste Deutsche, der so jung von einem ausländischen Klub abgeworben wurde, eigentlich doch noch ein Kind. Er ist ein junger Veteran geworden, ein rechter Verteidiger mit Muskeln und Verstand, erprobt in bereits über 120 Spielen für Fulham in der Premier League, einer der besten Ligen der Welt; ein anerkannter Profi, ein normaler Profi. Und gleichzeitig der ungewöhnlichste Profi. Denn Moritz Volz ist, was es nicht gab: ein Deutscher, der England zum Lachen bringt.

Zum Beispiel mit seiner Kuchentaktik. Welchen Kuchen er samstagmorgens backe, richte sich nach dem Gegner: "Spezielle Spiele, spezieller Kuchen." Wenn es gegen die Großen wie Arsenal oder Manchester geht, stellt er sich darauf mental etwa mit einem Biskuitkuchen mit Banane und einem Hauch grünem Tee ein. An diesem Samstag jedoch ist Abstiegskampf, Fulham gegen die Blackburn Rovers. Zeit für etwas Profanes; ein Samstag für Karottenkuchen. Am besten mit Nüssen. Das gibt dem Ganzen die angemessene Schwere.

Mit dem Klischee, Deutsche hätten keinen Humor, spielt die englische Boulevardpresse derart gern, dass sich der deutsche Botschafter in London beklagte, die Engländer sollten endlich einmal ihr Deutschlandbild überprüfen, und der britische Botschafter in Berlin antwortete, die Deutschen sollten bitte nicht immer so empfindlich reagieren. Dabei hat England doch nur auf einen Deutschen gewartet, der endlich sie, sich selbst und einfach alles mit feiner Ironie betrachtet. Die Times hat Volz prompt als Kolumnisten eingestellt. Der Guardian schreibt: "Moritz Volz ist auf Mission, sämtliche Stereotype zu unterlaufen. Er ist ein Deutscher mit Humor. Er ist sogar ein Deutscher und ein Fußballer mit Humor." David Lloyd, Herausgeber der Fanzeitschrift There is only one F in Fulham , sagt: "Er wird gerade zur Kultfigur. Er sollte einen Kuchenstand vor dem Stadion aufmachen. Ich würde ihm liebend gern beim Verkauf helfen." Und Moritz Volz sagt: "Ich bin gar nicht witzig."

Er sitzt, zwei Tage vor dem Karottenkuchen-Samstag, auf der Terrasse des Pubs The White Horse in Fulham, Südwestlondon. Die Sonne macht zwar langsam schon Schluss für heute, doch er trotzt der Abendfrische mit aufgekrempelten Pulloverärmeln. Nach acht Jahren in London hat er sich – wenn es schon um Klischees geht – den englischen Brauch angeeignet, Temperaturen über zwölf Grad mit kurzen Ärmeln zu feiern. "Was ich toll finde, ist, dass die Leute in London nach der Arbeit immer gemeinsam ein Bier trinken gehen", er schaut sich um, auf die bereits merklich lauter redenden, vereinzelt um das Gleichgewicht ringenden Trinker. "Und ich meinte, ein Bier trinken." Er ist tatsächlich nicht witzig in dem Sinne, dass er unaufhörlich lustige Anekdoten feilbietet oder permanent mit spitzfindigen Antworten glänzt. Er redet langsam, fast bedächtig. Er beobachtet nur scharf und spießt das Kuriose des Alltags, das Absurde der Klischees auf; trocken, zum Loslachen. Als Erstes veröffentlichte die Times sein persönliches Wörterbuch zur Verbesserung der deutsch-englischen Beziehung: "Can I wear my sandals without socks?" / "Kann ich meine Sandalen ohne Tennissocken tragen?" Oder: "My lederhosen are a litte itchy." / "Mir juckt’s in der Lederhose."