Der letzte Erlass des abtretenden Premierministers galt einer besonderen Art von Beutekunst. Weil noch bei jedem Regierungswechsel wertvolle Möbel und Kunstwerke aus den Amtsräumen verschwanden, wies Dominique de Villepin am 11. Mai alle scheidenden Mitarbeiter an, eine genaue Inventarliste abzugeben. Sein Hausmeister-Appell zur Bewahrung des nationalen Kulturerbes soll verhindern, dass Kabinettsangehörige beim Auszug zu Souvenirjägern werden. Um den bisherigen Verlust an Gemälden, Vasen, Standuhren und ganzen Sitzgruppen zu ermessen, argwöhnt der Figaro, müsse man nur in den Landhäusern ehemaliger Regierungsmitarbeiter nachschauen.

Unter dem neuen Präsidenten Nicolas Sarkozy ist alles anders. Seine Mannschaft findet von der Inneneinrichtung bis zu den laufenden Dossiers statt der üblichen Tabula rasa beste Ausgangsbedingungen vor.

Und während frühere Präsidenten ihre Regierungschefs oft über Nacht beriefen, mit der Folge, dass sich diese ihr Programm und Personal eilig zurechtbasteln mussten, bereitete Sarkozy seinen Wunsch-Premier, den 53 Jahre alten François Fillon, bereits seit Längerem auf die Machtübernahme vor. Die Erfahrungen, die Fillon als ehemaliger Sozial- und Bildungsminister in der gescheiterten Regierung des Chirac-treuen Premiers Raffarin seit 2002 gemacht hatte, waren Sarkozy nicht genug.

Er verschaffte ihm eine Kurzhospitanz bei seinem britischen Freund Tony Blair, um die Arbeitsweise des britischen Kabinetts kennenzulernen. Nach seiner Rückkehr aus der Downing Street war Fillon begeistert. " Dort geht es nicht nur viel einfacher und informeller als bei uns zu", berichtete er, "es gibt auch ein viel größeres Gleichgewicht zwischen Machern und Denkern, Technokraten und Intellektuellen."

Seitdem Fillon sein neues Kabinett beisammen hat, müssen viele Franzosen ihre Vorstellungen vom Regierungsapparat gründlich revidieren: Erstmals gibt es unter den Ministern annähernd Geschlechterparität, die Zahl der Ressorts wurde auf 15 halbiert, die jung-dynamische Justizministerin entstammt einer maghrebinischen Einwandererfamilie, und nur noch zwei Kabinettsmitglieder sind Absolventen der elitären Kaderschmiede École Nationale dAdministration (ENA).

Dass das Regieren vom ersten Tag an ganz auf Blitzstart und Attacke angelegt ist, davon kündet bereits der ungewohnte Anblick des neuen Präsidenten und seines Premiers, die regelmäßig in Joggingkluft durch den Bois de Boulogne laufen. Doch am meisten überraschen die beiden ihre Landsleute damit, dass sie gleich mehrere politische Gastarbeiter in die Regierung beriefen, die bislang nicht zur konservativen Parteifamilie zählten. Vor allem die Ernennung des 67 Jahre alten Bernard Kouchner zum Außenminister ist ein symbolträchtiger Brückenschlag ins gegnerische Lager, mit dem der Präsident sowohl Öffnung wie Traditionsbruch demonstriert.

Kouchner, der als Alt-68er genau der Protestgeneration entstammt, die Sarkozy im Wahlkampf so scharf attackierte, diente unter mehreren sozialistischen Regierungen als Minister für Soziales, Gesundheit sowie Beauftragter für humanitäre Aktionen. Doch sein Aufstieg zu einem der populärsten Politiker Frankreichs verdankt der gelernte Arzt und Mitgründer der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen seinen weltweiten Kriseneinsätzen als "Minister für Empörung", wie er sich nennt. Stets setzt er die Medien für humanitäre Zwecke ein, weil er überzeugt ist, dass sich Schrecken ohne Bilder nicht vermitteln lässt.