Eine Frage bringt sie alle zum Verstummen, die Abgeordneten, die Ministerialen und die Generale: Wie soll ihrer Meinung nach die Inschrift lauten auf dem geplanten Ehrenmal für die getöteten Soldaten der Bundeswehr? Schwierig, schwierig, sagen sie und wiegen die Köpfe. Vielleicht, meint eine Parlamentarierin, vielleicht ginge so etwas wie: "Sie ließen ihr Leben für Frieden, Freiheit und Demokratie." Um sogleich zurückzufragen: "Oder?"

Noch im Herbst will Verteidigungsminister Franz Josef Jung auf dem Gelände seines Berliner Ministeriums ein Ehrenmal für alle 2600 Angehörigen der Bundeswehr errichten lassen, die seit Gründung der bundesdeutschen Streitkräfte 1955 im Dienst ums Leben kamen. Die allermeisten von ihnen starben im Inland, bei Unfällen oder Flugzeugabstürzen. Seit Jung diesen Plan öffentlich machte, denken immer mehr Bundestagsabgeordnete darüber nach, ob es nicht angemessen wäre, jenen 69 Bundeswehrsoldaten, die seit 1994 in Auslandseinsätzen ihr Leben ließen, ein eigenes Denkmal zu setzen, und zwar ehrlicherweise an dem Ort, an dem über ihre Entsendung entschieden wurde: am Reichstag.

"Ein Ehrenmal in der Nähe des Parlaments ist überfällig", sagt der Abgeordnete Karl A. Lamers (CDU) auf Anfrage. "Der Wunsch nach einem Ehrenmal geht durch alle Fraktionen, mit Ausnahme der Linken", berichtet die Abgeordnete Ulrike Merten (SDP). Irgendwie, lassen beide durchblicken, wunderten sie sich schon ein wenig, dass bisher noch kein Parlamentarier eine entsprechende Initiative gestartet habe. Nun ist Merten Vorsitzende des Verteidigungsausschusses und Lamers ihr Stellvertreter. Dem Bundestag, scheint’s, geht es nicht anders als den meisten Lebewesen; er verdrängt den Tod, so gut er kann.

Vielen Abgeordneten wäre es lieb, sie könnten das Thema Ehrenmal ganz und gar im Flüsterton auf den Fraktionsfluren klären. Zu viele unbequeme Fragen lauern da, die an das Grundverständnis der Berliner Republik und ihrer Sicherheitspolitik rühren. Müsste ein Denkmal für die Bundeswehr nicht gegen Schmierereien und andere Schändungen geschützt werden?, raunen sie. Müsste man nicht auch die Opfer aus den zivilen Hilfsdiensten, etwa dem Technischen Hilfswerk, ins Gedenken aufnehmen? Die aus den Reihen der Polizei? Wenn die Namen der Toten eingraviert werden, müsste dann nicht Platz frei bleiben für künftige Opfer? Und schließlich die Frage nach der Inschrift, nach dem so schrecklich schlichten Wofür.

"Für Frieden, Freiheit und Demokratie", diese Formel wäre so dehnbar, dass sie kaum je falsch sein könnte. Doch wie abstrakt darf der Staat die politische Rechtfertigung für eine so konkrete Sache wie den Tod fassen? Nicht nur die Angehörigen der Opfer, auch die Soldatinnen und Soldaten künftiger Missionen und nicht zuletzt das Wahlvolk werden zu Recht etwas mehr Genauigkeit verlangen.

"Die Soldaten schauen schon sehr genau hin, was der Dienstherr tut und unterlässt", sagt der Truppenpsychologe Horst Schuh. Der Reserveoffizier hat unter anderem die Hinterbliebenen der Bundeswehrsoldaten betreut, die am 7. Juni 2003 bei einem Anschlag auf ihren Bus in Kabul ums Leben kamen. Der Wunsch nach einem Denkmal, sagt er, sei groß, und zwar nach einem im Zentrum des Regierungsviertels. "Viele plädieren dafür, das Ehrenmal am Reichstag zu errichten – als Mahnmal für die Abgeordneten, aber auch zur Konfrontation der Bürger. Für die Soldaten ist es ganz wichtig, dass ihr Einsatz angemessen wahrgenommen wird."