Schon in der katholischen Kirche sind Dogmen eine knifflige Angelegenheit. Ein Laie hat seiner Glaubenspflicht an solche Dinge nachzukommen, selbst wenn es um schwer durchschaubare Vorgänge wie die leibhaftige Aufnahme Mariens in den Himmel geht, sonst kann er das Katholischsein gleich bleiben lassen. Der hohe Klerus hingegen darf Glaubenssätze zwar auch nicht ändern, aber doch gemäß der Zeit neu interpretieren. " Dogmenentwicklung" heißt das dann.

Bei den Ökonomen und ganz besonders bei den Katholiken unter ihnen, also den neoklassisch geneigten Volkswirten gibt es das Dogma von der allgemeinen Nützlichkeit des freien Handels. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert erklären sie geduldig dem Laienstand, warum es gut für den Wohlstand ist, wenn die Menschen keine Generalisten und Selbstversorger bleiben. Sie sollen Spezialisten werden und untereinander Güter tauschen, am besten global. Im Kern hat die Lehre bis heute überlebt.

Doch seit ein paar Wochen ist der hohe Klerus kräftig mit einer Neuausrichtung dieses Glaubenssatzes beschäftigt. Das mag profane Auslöser gehabt haben wie den heraufziehenden Vorwahlkampf der Demokratischen Partei in den USA wo Beraterverträge für Experten mit wahlkampftauglichen Einsichten winken. Alan S. Blinder aus Princeton sieht das so: "Wenn wir Ökonomen eigensinnig den Leuten erzählen, freier Handel sei gut für sie, aber sie wissen es besser, dann werden wir in der öffentlichen Debatte schnell irrelevant."

So hat Blinder gerade öffentlichkeitswirksam erklärt, dass er zwar "bis in die Zehenspitzen ein Fan des freien Handels" sei, aber nicht in jedweder Form. Das Outsourcing bei dem Dienstleistungen wie Programmieren oder Callcenterarbeit in Niedriglohnländern wie Indien erledigt werden könne entwickelten Volkswirtschaften wie den USA auch schaden. Zumindest zeitweise.

Blinders Wortmeldung schließt an ein Diktum des US-Ökonomen Paul Samuelson an. Der Hohepriester ist für den Satz bekannt: "Sollen ruhig andere die Gesetze schreiben, solange ich die ökonomischen Lehrbücher verfassen darf." Zuletzt holte er im Jahr 2003 eine alte Lieblingsthese hervor: Reiche Länder werden beim Handel mit ärmeren Ländern nicht unbedingt reicher, nämlich dann nicht, wenn das arme Land dem reichen seine Technologie klaut und im reichen Land nichts Neues entsteht. Das ist zwar ein unrealistisch extremes Gedankenspiel, aber dennoch nützlich in einer Zeit, wo Betriebsstätten im Rekordtempo in andere Länder verlagert werden und wo chinesische und russische Konzerne westliche Firmen samt ihrer Patente schlucken.

Aus Samuelsons Überlegungen ergeben sich große Fragen: Wohin führt dieser entfesselte Handel mit Waren, Kapital, Dienstleistungen und Ideen? Welche Länder und Regionen spezialisieren sich am Ende auf welche Tätigkeiten? Könnten für die westlichen Länder bloß die weniger zukunftsträchtigen Dinge übrig bleiben? Antworten stehen leider aus.

Auch Topökonomen wissen nicht, welche Art der Spezialisierung die "zukunftsträchtigste" sein soll.