Russell (»Rusty«) Schweickart, 71, flog 1969 als Astronaut mit Apollo 9 in die Erdumlaufbahn und testete dort den Raumanzug für die geplanten Mondlandungen. Dabei wurde er weltraumkrank und kam deshalb bei den Flügen zum Mond nicht mehr zum Zug. 1983 gehörte Schweickart zu den Gründern der Association of Space Explorers, der fast alle Astronauten und Weltraumtouristen angehören

DIE ZEIT: Warum fühlen Sie sich berufen, Regeln für den Fall eines drohenden Asteroideneinschlags vorzuschlagen?

Rusty Schweickart: Wir sind Astronauten und Kosmonauten aus aller Welt und verstehen uns als Erdenbürger. Jeder von uns war ja selbst schon ein Objekt auf erdnaher Umlaufbahn und hat den Planeten als Ganzes gesehen. Die Bedrohung durch einen Asteroideneinschlag ist von Natur aus global, und deshalb muss auch jede Maßnahme dagegen eine globale Angelegenheit sein, jenseits nationaler Interessen.

ZEIT: Sieht das die Nasa auch so?

Schweickart: Es betrifft ja nicht nur die Nasa. Auch die Europäer, die Japaner und die Russen wären jetzt schon in der Lage, auf eine Bedrohung zu reagieren, China und Indien werden bald so weit sein. Allerdings würden die Staaten, denen diese Mittel zur Verfügung stehen, am liebsten gar nicht weiter darüber sprechen. Denn sie wissen: Wenn sie ihr eigenes Territorium schützen wollen, erhöhen sie die Bedrohung für jemand anderen. Wenn Indien sich durch einen Asteroiden bedroht fühlte und den Punkt der größten Einschlagswahrscheinlichkeit nach Westen verlagern könnte, dann würde die Gefahr zunächst in Pakistan, später im Irak und vielleicht in Europa steigen.

ZEIT: Die Nasa veröffentlicht die täglich aktualisierte Liste der entdeckten erdnahen Asteroiden doch auf ihrer Website.

Schweickart: Ja, die Daten sind alle öffentlich verfügbar, aber das sind nur Zahlen, und niemand versteht, was sie bedeuten. Klarheit bringt erst eine Karte mit der Linie, auf der der Asteroid einschlagen kann. Solche Linien verlaufen praktisch überall, wir kennen sie nur noch nicht. Aber in den nächsten 15 Jahren wird jeder Staat seine Linie haben – mit exakten Daten über Masse, Explosionsenergie und Einschlagsdatum sowie der Trefferwahrscheinlichkeit des Asteroiden.

ZEIT: Muss ich wirklich wissen, dass meine Heimatstadt im Jahr 2041 mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:25.000 ausgelöscht werden kann?

Schweickart: Wir haben das kontrovers diskutiert, aber mein Gefühl sagt mir: Ja. Die Menschen haben ein Recht auf diese Information. Wir sollten sie allerdings nur dann veröffentlichen, wenn sie wirklich zuverlässig ist.

ZEIT: Apokalyptische Schlagzeilen gab es schon häufig, bisher haben sie sich alle als Fehlalarm erwiesen.

Schweickart: Vielleicht taucht die erste wirklich ernste Bedrohung erst in 150 Jahren auf, aber irgendwann wird es passieren. Wir möchten, dass die Regierungen und die Vereinten Nationen diese Situation durchdenken, bevor der konkrete Fall eintritt. Wer trifft dann die Entscheidung für eine Ablenkungsmission, wer bezahlt sie, wer muss zustimmen? Auf all diese Fragen gibt es bisher keine Antwort.

ZEIT: Und wann hoffen Sie auf einen Beschluss der UN?

Schweickart:(lacht lauthals) Ich selber werde es sicher nicht mehr erleben. Aber wir möchten den Prozess in Gang bringen, daran arbeiten wir hier.

Interview: Dirk Asendorpf