So unglaublich die Nachricht auch klingen mag: Sie ist verbürgt. China hat sich für drei Milliarden Dollar fast zehn Prozent stimmrechtsloser Aktien an einem der größten amerikanischen Finanzinvestoren gesichert: Blackstone. Es ist ein spektakulärer Deal, der die ungeschriebenen Gesetze des globalen Kapitalismus neu justieren wird.

Blackstone zählt zu den Vorreitern des internationalen Casinokapitalismus: Firmen auf Pump kaufen, mit horrenden Schulden beladen, ausschlachten und kurze Zeit später mit Gewinn weiterverkaufen. So lauten die Grundregeln des Private-Equity-Spiels. In den vergangenen Jahren ließen sich so Renditen von mehr als 30 Prozent erzielen. Je höher der Anteil der Schulden an der Finanzierung, desto größer der Gewinn – wenn die Firmen nicht vorher unter der Last zusammenbrechen. Blackstone übernimmt die Rolle des Fondsverwalters, der rund 88 Milliarden Dollar Vermögen, vervielfacht über Schulden, in Firmen, Immobilien oder faulen Krediten anlegt.

Doch es wäre zu kurz gesprungen, Chinas Einstieg bei Blackstone allein unter Renditegesichtspunkten zu betrachten. Es ist zwar richtig, dass China mit seinen Devisenreserven mehr Gewinn erzielen möchte, aber Blackstone bedeutet für die chinesische Führung mehr. Das amerikanische Haus ist für sie das Vehikel, im globalen Kapitalismus ein Wörtchen mitreden zu können. Die großen Finanzinvestoren, zu denen auch KKR, Carlye oder die Texas Pacific Group zählen, sind die neue Macht an der Wall Street. Sie kaufen große Konzerne, zahlen am meisten Gebühren und gehen neuerdings selbst an die Börse. Am Montag veröffentlichte Blackstone einen ersten Prospekt. Bewertet wird das Unternehmen mit über 30 Milliarden Dollar.

China hat die erste große Investition aus seinen Devisenreserven mit Bedacht gewählt, auch wenn die drei Milliarden angesichts einer Gesamtsumme von 1.200 Milliarden Dollar mickrig erscheinen. Die chinesische Führung hat gelernt, dass im globalen Kapitalismus unterschiedliche Rechte und Pflichten herrschen. Als sie Dollar kaufte, um ihre Währung niedrig zu halten und um niemals in die Verlegenheit zu geraten, in einer Finanzkrise die Hilfe des Internationalen Währungsfonds in Anspruch nehmen zu müssen, war das kein Problem – jedenfalls solange sie die Dollar in amerikanischen Staatsanleihen anlegte. Doch als die ersten chinesischen Firmen nach Übernahmekandidaten in Amerika Ausschau hielten, in der Öl- und Stahlbranche etwa, hieß es plötzlich: "No." Das liberale Amerika zog protektionistische Schutzwälle hoch und begründete das mit "strategischem Interesse". Jüngst erst bekam Peking Druck aus Washington, weil es Finanzinvestoren, die chinesische Firmen kaufen wollten, selbst ein "Nein" entgegenhielt. Mit der Beteiligung an Blackstone eröffnet sich die Kommunistische Partei eine gewisse Mitsprache, zum Beispiel ob und wie Finanzinvestoren in China auf Einkaufstour gehen dürfen, und wahrscheinlich öffnen sich dadurch auch ein paar Türen in Amerika für chinesisches Geld.

Der Trend in den Schwellenländern, die aufgehäuften Devisenreserven in staatliche Fonds auszulagern und damit international Aktien und ganze Unternehmen zu kaufen, ändert das Spiel. Nationale Interessen werden auf den internationalen Kapitalmärkten in ein paar Jahren eine weit größere Rolle spielen, auch die von autokratischen Ländern wie Russland oder China. Sie werden die Regeln des Kapitalismus neu schreiben, wenn auch nur mit, nicht gegen Washington. Amerika hat zwar keine Staatsfonds, dafür sind aber die größten institutionellen Anleger, Investmentbanken, Finanzinvestoren, Wirtschaftsprüfer und Anwaltskanzleien amerikanisch.

Europa ist für das neue Spiel schlecht gerüstet. Gerade in Deutschland mangelt es an Investoren vergleichbarer Größe und Fonds vergleichbarer Macht. Zugleich gelten hier die liberalsten Übernahmegesetze. Es herrscht die Meinung vor, dass sich der Staat aus der Wirtschaft heraushalten soll, dass die "effizienten" Kapitalmärkte alles richten. Es wird munter privatisiert und an Heuschrecken verkauft, wie etwa im Fall Deutsche Telekom, wo Blackstone vergangenes Jahr 4,5 Prozent der Aktien übernehmen durfte. In Deutschland bestehen die Devisenreserven sogar noch aus Gold, das keine Zinsen abwirft und kaum rasch zu Geld zu machen ist – oder Einfluss auf das globale Geschehen sichert.