Ein Blick in die Statistik genügt, und man weiß: Zum Anglistikstudium gehört immer auch eine ordentliche Portion Wagemut. Kaum eine Absolventengruppe tut sich auf dem Arbeitsmarkt so schwer wie Anglisten und Amerikanisten, das belegen Zahlen des Hochschul-Informationssystems (HIS): Rund 55 Prozent der Absolventen von 2004 waren ein Jahr nach ihrem Abschluss noch immer ohne Arbeit das entspricht der Arbeitslosenquote von Ländern wie Dschibuti oder Ost-Timor und neben Anglisten haben in Deutschland nur Germanisten schlechtere Jobchancen, von den unterdurchschnittlichen Einstiegsgehältern ganz zu schweigen.

Dennoch immatrikulieren sich Semester für Semester jeweils rund 16000 Optimisten in dem Fachbereich, 15000 in Anglistik und 1000 in Amerikanistik eine erstaunliche Anziehungskraft für zwei Disziplinen, die nicht in dem Verdacht stehen können, Karriereträume wahr werden zu lassen. Doch mit Karrieredenken lässt sich diese Popularität ohnehin nicht verstehen, eher mit den englischsprachigen Wurzeln der Jugendkulturen und dem Status der Vereinigten Staaten als Weltmacht.

"Niemand wird aufgrund seiner Englischkenntnisse eingestellt"

Gäbe es unter den Erstsemestern einen Prototypen, dann hieße er mit Sicherheit Silvia. Silvia war gerade 19, da saß sie mit ihrem Abiturzeugnis in der Hand auf dem Familiensofa und grübelte, was sie studieren sollte. Die Eltern, einfache Leute, sagten: Mädchen, lern was Richtiges! Also entschied sich Silvia für ein Lehramtsstudium und für Germanistik als erstes und Anglistik als zweites Hauptfach. Warum, das weiß sie noch gut. " Germanistik war mein Traumfach, und Anglistik wählte ich dazu, weil ich dachte, so komme ich mal ins Ausland", sagt sie. Heute ist Silvia Mergenthal Vorsitzende des Deutschen Anglistenverbandes und Professorin an der Universität Konstanz, und wie ihr damals geht es noch immer vielen Abiturienten, die Anglistik eher aus Verlegenheit wählen denn aus Leidenschaft für altenglische Epen oder synchrone Linguistik.

Wer nicht recht weiß, was er studieren soll, in der Schule in Englisch aber immer gut war, und sich auch ein Auslandssemester in London irgendwie vorstellen kann, verfällt leicht auf ein Anglistikstudium, freilich ohne eine Vorstellung, wie sich das akademische Wissen später auf dem Arbeitsmarkt verkaufen lässt.

Viele Hochschulen reagieren darauf mit neuen Fächerkombinationen wie BWL und Anglistik, um die Arbeitsmarktchancen ihrer Absolventen zu verbessern. In Mannheim lernen Anglisten seit einigen Semestern neben Gedichten von Dylan Thomas auch Wirtschaftsinformatik und Rechnungswesen und hoffen so, die abstrakte Literaturwissenschaft mit den praktischen Inhalten der BWL aufzuwerten. In Halle verbindet ein Diplomstudiengang Anglistik mit wirtschaftswissenschaftlichen Qualifikationen.

Laut dem aktuellen CHE-Hochschulranking, in dem Studenten und Professoren ihre Hochschulen bewerten, liegen die Universitäten Freiburg, Mannheim und Augsburg aus Sicht der Studenten in vielen Aspekten in der Spitzengruppe. Bei den Professoren genießen die FU Berlin und die Universitäten Freiburg, Gießen und München besondere Reputation. Lehramtsstudenten sind an den süddeutschen Universitäten in Eichstätt-Ingolstadt, Heidelberg, Freiburg, Mannheim und Tübingen besonders zufrieden.