Beim Small Talk hat es Lucia Vennarini nicht leicht. Bei abendlichen Feiern fürchtet sie vor allem eine Frage: die nach ihrem Beruf. "Wenn ich dann sage, ich bin Bologna-Beraterin, dann weiß ja doch keiner, was das eigentlich ist", sagt die 43-Jährige. An der Aachener Universität arbeitet sie, ihr Beruf ist wohl einer der seltensten in Deutschland: Gerade einmal 21 Kollegen hat Lucia Vennarini, und die sind auch noch bundesweit verteilt.

Strippenzieherin ist Lucia Vennarini, das ist wohl die treffendste Kurzbeschreibung ihrer Profession. Sie ist diejenige, die bei den Hochschulreformen den Überblick behält und sorgfältig koordiniert, wo und wann an ihrer Universität welche Änderung vorgenommen wird. "Wenn ich meinen Beruf jemandem beschreibe, der mit Hochschulen nichts zu tun hat", sagt sie, "dann muss ich immer ganz weit ausholen. Als Erstes erzähle ich dann, dass in Deutschland die Studiengänge komplett umgestellt werden, dass es bald überall den Bachelor und den Master als neue Abschlüsse gibt und dass wir die Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten vorantreiben."

Mittendrin in diesem Strudel an Neuerungen sitzt Lucia Vennarini. "Planungsdezernat" steht an der Türe zu ihrem Büro, und was sich nach einem drögen Verwaltungsjob anhört, ist in Wirklichkeit eine der spannendsten Aufgaben, die es derzeit an den deutschen Universitäten gibt. Die offizielle Berufsbezeichnung der Bologna-Berater ist vom Namen der italienischen Stadt abgeleitet: Dort fand 1999 die europäische Bildungsministerkonferenz statt, auf der die tief greifenden Änderungen im Hochschulsystem beschlossen worden sind. Seither ist Bologna allgegenwärtig.

Die deutsche Bologna-Hauptstadt ist Bonn. Hier sitzt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die sich als Stimme der Hochschulen versteht – und eben auch als Dienstleister. Mehr als 250 Universitäten und Fachhochschulen sind hier repräsentiert, und alle diese Mitglieder stellen derzeit ihre Studiengänge auf Bachelor und Master um. Vor zwei Jahren hat die HRK die 22 Modellhochschulen mit den überzeugendsten Strategien zur Studienreform gekürt und stellt den Gewinnern seither jeweils einen Bologna-Berater zur Seite – Experten wie Lucia Vennarini aus Aachen, die mit allen Feinheiten der Hochschulpolitik bestens vertraut sind und im Gewirr der Reformen den Überblick behalten.

Sogar ein eigenes Kompetenzzentrum Bologna gibt es in Bonn. Hier laufen Daten von allen deutschen Hochschulen zusammen: Wie ist der Stand des Reformprozesses, wo brauchen die Verantwortlichen Unterstützung, alles das wird hier beobachtet. Die wichtigste Aufgabe des Zentrums ist es, die Hochschulen mit Expertisen über die Reformen zu versorgen. Genau dafür gibt es die Bologna-Berater. Peter Zervakis leitet das Projekt. "Eine der wichtigsten Funktionen der Bologna-Berater ist es, eine Brücke zwischen der Hochschulleitung, den verschiedenen Gremien, den Fachbereichen und den Fakultäten zu bauen", sagt er.

Damit sind sie eine Art Schnittstelle zwischen der Hochschulrektorenkonferenz und den örtlichen Hochschulen. Den Informationsfluss aufrechterhalten – so heißt die Aufgabenbeschreibung im Fachjargon. Konkret bedeutet das: "Die Berater vermitteln Informationen in ihrer Hochschule weiter und helfen den verantwortlichen Professoren beispielsweise mit den umfassenden Beschreibungen der Module, die zu den Studiengängen gehören", sagt Zervakis.

Welche Eigenschaften man für diese Aufgabe braucht, hat auch Gangolf Braband inzwischen erfahren, der an der Universität in Erfurt den Bologna-Prozess begleitet: Stressresistent müsse man schon sein, sagt er – und ein ausgeprägtes diplomatisches Geschick könne auch nicht schaden. Die 22 deutschen Bologna-Berater sind die Statthalter der Studienreformen an ihren Hochschulen, und diese Neuerungen sind bei einer ganzen Reihe von Professoren alles andere als beliebt. "Manchen Lehrenden gehen die Reformen ganz schön auf die Nerven", heißt es an einer Universität unter der Hand – die Umstellung auf Bachelor und Master bringt für die meisten nicht nur eine ganze Menge Arbeit mit, sondern bedeutet auch das Loslassen von alten Gewohnheiten.