Der Stadtteil Scheveningen ist kein Ort, an dem man das Böse vermutet. "Beliebtester Strand der Niederlande", steht im Reiseführer. Hier ist die Sonnenbrandmeile für die Haager Beamtenschar mit Aquarium, jährlichem Turnier für Sandburgenbauer und Bungee-Jumping. Kaum ein Badegast interessiert sich für den Klinkerbau abseits von Meer und Softeis. " Penitentiair Complex Scheveningen" steht am Eingang, "Justizvollzugsanstalt Scheveningen". Hier sitzen in einem eigenen Block ehemalige Regierungschefs, Minister, Generäle und Warlords aus dem Balkan und Afrika in Untersuchungshaft. Sie sind sogenannter ethnischer Säuberungen angeklagt, der Massaker, Massenvergewaltigungen oder Rekrutierung von Kindersoldaten. 47 Zellen sind derzeit belegt.

Der Badeort Scheveningen dürfte damit die höchste Dichte mutmaßlicher Kriegsverbrecher aufweisen.

Der prominenteste Insasse ist unter der Aktennummer SCSL-2003-01-I registriert. Er sitzt in einer 15 Quadratmeter großen Zelle mit einem Fernseher. Er hat Anrecht auf monatlich 200 kostenlose Minuten für private Telefongespräche. Bis auf gelegentliche Beschwerden bei der Gefängnisleitung über die "eurozentrische Gefängniskost" verhält sich Charles Taylor, 59, unauffällig.

Am 4. Juni beginnt in Den Haag der Prozess gegen den Laienprediger und ehemaligen Präsidenten Liberias. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die Bürgerkriege in Liberia und im benachbarten Sierra Leone, deren Verheerung in Zahlen nur unzureichend beschrieben ist: 300000 Tote, zwei traumatisierte Gesellschaften und zwei völlig kollabierte Staaten.

Vorerst muss sich Taylor nur im Fall Sierra Leone verantworten. Die Anklage lautet auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in elf Punkten ausgeführt durch eine Rebellengruppe mit dem Namen Revolutionäre Einheitsfront (RUF), deren Markenzeichen darin bestand, Diamantenfelder zu plündern, Zivilisten die Hände abzuhacken oder ihnen ihr Kürzel in die Haut zu schneiden. Taylor soll sie von Liberia aus finanziert, ausgerüstet und angestiftet haben.

Zuständig für das Verfahren ist der Special Court for Sierra Leone, der Sondergerichtshof für Sierra Leone (SCSL) mit Sitz in Freetown.

Weil der Angeklagte nach Ansicht der Richter weiterhin eine "Gefahr für Frieden und Stabilität in der Region", vor allem für das politisch noch fragile Liberia bedeutet, hat man nach einem anderen Verhandlungsort gesucht. Den Haag bot sich an, es ist so etwas wie die inoffizielle Hauptstadt der Weltjustiz. Hier haben unter anderem das UN-Jugoslawientribunal und der Internationale Strafgerichtshof ihren Sitz. Letzterer hatte noch einen Saal und eine Gefängniszelle frei für Charles Ghankay Taylor. So steht der Name in der Anklageschrift.

Ghankay heißt "Kämpfer gegen alle Widrigkeiten", den Namen hat sich Taylor vor Jahren selbst gegeben. UN-Beamte und internationale Medien heißen den 59-Jährigen weniger schmeichelhaft einen "Psychopathen" oder "Afrikas Miloevi".

Politisch ist das Urteil über Charles Ghankay Taylor längst gefallen: schuldig. Juristisch sieht die Sache anders aus. Jemandem die direkte Beteiligung an Gräueltaten nachzuweisen ist in der Regel einfacher, als jemanden der Anstiftung, Beihilfe oder Mitwisserschaft zu überführen. Eine Befehls- oder wenigstens eine Kommunikationskette ist nachzuweisen. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. Abseits politischer Schlagworte und rechtlicher Grundsätze bleibt erst einmal die Frage: Wer ist Charles Taylor? Ein Gefängnisbesuch könnte Aufklärung bringen. Aber in diesem Fall "keine Chance", sagt der Sprecher des Gerichts. Also muss man anderswo auf Spurensuche gehen.

Monrovia, Hauptstadt Liberias. Die "Vereinigung zur Verteidigung von Charles Taylor" hat sich in einer zweistöckigen Villa am Tubman Boulevard eingemietet. Fleckige Auslegeware, ein paar zerschrammte Schreibtische, ein Computer und an jeder Wand ein Porträt von Taylor in präsidialer Ausstaffierung. In dieser tristen Galerie wartet Sando Johnson, ein dicklicher 41-Jähriger mit ewig schmollendem Gesichtsausdruck, auf das tägliche Bulletin seines Herrn aus dem Scheveninger Gefängnis. Johnson war bis vor Kurzem Senator im liberianischen Kongress, er gehört zu Taylors Kreis der Vertrauten, in Monrovia kennt ihn jeder wegen seiner unflätigen Ausfälle gegen den katholischen Bischof, einem erklärten Taylor-Gegner. Johnson selbst behauptet, nie etwas mit dem horrenden Bürgerkrieg in seinem Land zu tun gehabt zu haben. " Der Präsident und ich haben gerade telefoniert", sagt Johnson, "es geht ihm gut, obwohl man ihn psychisch zerstören will."