Als Europas Bildungsminister 1999 in der italienischen Stadt Bologna zusammensaßen, schien das Jahr 2010 weit genug entfernt zu sein, um sich auf eine Jahrhundertreform einigen zu können. Also verkündeten die Vertreter von 29 Ländern feierlich: Schluss mit dem universitären Klein-Klein und den nationalen Sonderwegen, stattdessen europaweit dieselben gestuften Studienabschlüsse. Jeder junge Mensch in Europa, so das Ziel, sollte bis 2010 überall in Europa studieren können, gern auch in mehreren Etappen an unterschiedlichen Orten – um danach, wiederum auf dem ganzen Kontinent, eine Chance auf einen Arbeitsplatz zu haben.

Vergangene Woche haben sich die Bildungsminister erneut getroffen, diesmal in London. Da hat sie ihr vollmundiger Europa-Schwur wieder eingeholt: nur noch drei Jahre. Dann müssen sämtliche Studiengänge des Kontinents auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt sein. Auf den sogenannten Bologna-Folgekonferenzen geht es immer ein wenig zu wie auf einem Klassentreffen. Die Bildungspolitiker und Hochschulplaner aus mittlerweile 46 Teilnehmerländern warfen in der britischen Hauptstadt mit Begriffen wie "nationaler Qualifikationsrahmen", "dritter Zyklus" oder "diploma supplement" um sich. Dahinter kann man sich vorzüglich verstecken, wenn man von der entscheidenden Frage ablenken will: Wird die große Reform am Ende gelingen, oder kommt womöglich doch noch die große Enttäuschung?

Ein europaweiter Hochschulraum als Voraussetzung eines gemeinsamen Arbeitsmarktes, mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit, kürzere Studienzeiten und weniger Studienabbrecher, das ist eine bestechende Vorstellung. Doch die Widerstände gegen Bologna sind groß, und das nicht nur in Deutschland.

Hierzulande haben sich lange Zeit vor allem die Ingenieure, Juristen und Mediziner gegen die Neugestaltung ihrer Studiengänge gewehrt; anderswo, etwa in Griechenland, drohte die Umstellung eher in Gleichgültigkeit und demonstrativem Nichtstun zu versanden. Und trotz einer europaweit einheitlichen Leistungsbewertung über das sogenannte European Credit Transfer System: Noch zu oft weigern sich Professoren, ihren Studenten die im Ausland besuchten Kurse zu Hause anzurechnen. Dennoch mussten die Minister in London die schonungslose Frage längst nicht mehr fürchten. Schon drei Jahre vor dem Zieleinlauf steht fest: Bologna wird nicht scheitern.

"Wenn ich zurückdenke an die Anfänge und daran, wie wenig das Projekt ernst genommen wurde – von dieser Skepsis ist heute nicht mehr viel übrig", jubelt Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), die Deutschland schon 1999 in Bologna vertreten hat (siehe Interview Seite 74). Im Gegenteil, die Idee, die Europas Hochschulen umkrempeln sollte, hat eine Dynamik freigesetzt, die tatsächlich weit über die Neustrukturierung von Studienabschlüssen hinausgeht.

Beispiel Deutschland: Zu Beginn des Jahres waren laut Hochschulrektorenkonferenz 45 Prozent aller Studiengänge umgestellt. Zum kommenden Wintersemester dürften zwei Drittel überschritten werden, denn viele große Universitäten wollen die Reform dann bereits abschließen. Gleichzeitig belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dass das Durchschnittsalter der Absolventen langsam, aber kontinuierlich sinkt, 2005 auf im internationalen Vergleich immer noch extrem hohe achtundzwanzigeinhalb Jahre. Deutlich jünger sind bereits die Bachelorabsolventen mit im Schnitt 26 Jahren.