Es ist schon eine merkwürdige Vorstellung: dass die Generationen, die jetzt kommen, sich nicht mehr wünschen werden, John Wayne zu sein oder ihn wenigstens als Großvater zu haben. Dass die Kinder, die gerade heranwachsen, sich lieber mit Banden glupschäugiger Trickfiguren durch Großstädte und Raumstationen prügeln als mit einem einsamen Reiter bei Sonnenuntergang über die Prärie zu ziehen, auf der Suche nach einem El Dorado der Fantasie. Dabei hatte John Wayne doch etwas Dauerhaftes und Zeitloses, ganz besonders, wenn die Zeitläufte über ihn hinwegzugehen schienen. Und sogar dann, wenn er diese flamingofarbenen Hemden trug, für die er ein, zum Image des Über-Manns nicht ganz passendes, Faible zu haben schien.

Tatsächlich wäre John Wayne am 26. Mai hundert Jahre alt geworden. Er war populär wie kaum ein anderer Hollywoodstar und wurde zur Leitfigur des amerikanischsten Filmgenres, des Westerns. Fürs große Publikum ist er nie richtig jung gewesen. Abgesehen von einer Hauptrolle als Scout und Wagenführer in Raoul Walshs The Big Trail (Der große Treck), arbeitete Wayne seine Zwanziger in marginalen Produktionen ab. Seinen Durchbruch in John Fords Stagecoach (Ringo – Höllenfahrt nach Santa Fe) erlebte er mit 32, zehn Jahre später spielte er in She Wore a Yellow Ribbon (Der Teufelshauptmann), ebenfalls unter Fords Regie, bereits seine erste Altersrolle, die eines scheidenden Kavallerieoffiziers, für den der Technicolor-Himmel ungewöhnlich bewölkt war. Auf einem Friedhof führte er Gespräche mit seiner toten Frau.

Wayne hat also früh begonnen, mit der Vergänglichkeit zu kokettieren – vielleicht, weil man schon seinerzeit nicht mehr so recht an den amerikanischen Mythos der heroischen Landnahme glauben konnte. Der Film, der als Meilenstein seiner Karriere gilt, The Searchers (Der schwarze Falke) von 1956, ist ein einziges Ringen mit diesem Thema, ein ebenso verzweifelter wie dubioser Versuch, den Typus des Westerners zu retten, der dem Gesetz und der Ordnung der weißen Siedler den Weg bahnt, während er für sich grenzenlose Freiheit reklamiert. In der Figur des starrsinnigen, halb verwilderten, jedenfalls aber emotional verwahrlosten Veteranen Ethan Edwards, der auf den Spuren seiner entführten Nichte Debbie jahrzehntelang einen Komantschenstamm verfolgt, verdichtet sich die asoziale Komponente des Modells Amerika. Aber der Film kann sich nicht dazu entschließen, sein Sujet wirklich zu entromantisieren. Und wenn Ethan am Ende die beinahe assimilierte, zur jungen Frau herangewachsene Debbie überraschend an sein Herz reißt, wirbt er durchaus um Sympathie für einen autoritären Charakter. Waynes Kollege James Stewart, auch er ein beliebter Westernstar, hatte dagegen schon 1950 in Broken Arrow (Der gebrochene Pfeil) eine Indianerin in die Arme geschlossen, die nicht seine Nichte war, und so das Zeitalter des revisionistischen Westerns eingeleitet.

Hans C. Blumenberg hat in einem wunderbar erhellenden Essay zu Waynes Tod 1979 geschrieben, man könne "wohl nur ein zwiespältiges Verhältnis haben zu diesem Neandertaler aus dem Westen". Tatsächlich hat er immer auch polarisiert, schon deshalb, weil er in jeder Hinsicht "bigger than life" war: 1,94 Meter hoch gewachsen, Vater von sieben Kindern aus drei Ehen, ein Ultrakonservativer, der in der McCarthy-Ära in der Filmindustrie für die "preservation of American ideals" eintrat und den Vietnamkrieg als Koregisseur und Hauptdarsteller des Marine-Epos The Green Berets (Die grünen Teufel) zu seiner persönlichen Angelegenheit machte. Wayne hat in mehr als 150 Kinoproduktionen mitgewirkt, darunter auch exotischere Titel wie Dick Powells Dschingis-Khan-Geschichte The Conqueror (Der Eroberer) oder der Jesusfilm The Greatest Story Ever Told (Die größte Geschichte aller Zeiten), aber er war kein Mann der Zwischentöne.

Im Rückblick kann man beim Westernstar zwei Grundausführungen unterscheiden. Da gab es einerseits den Stoiker, das Hünengrab des Genres, zu dem ihn sein Freund John Ford gemacht hat: eine statuarische, stets leicht entrückte Figur, deren Aura die Filme durch folkloristische Momente und religiöse Bezüge stützten. Den anderen, moderneren und sozialverträglicheren Wayne sieht man bei dem Regisseur Howard Hawks. Die Ausstattung war dieselbe, natürlich: der massige Körper, unter dem die Pferde wie eingelaufen aussahen, der Blick aus schmalen Augen, den Mark Wahlberg in hundert Jahren nicht hinkriegen wird, der steifbeinige Gang mit der plötzlich abknickenden Hüfte, der den Po so hübsch ungehörig ins Spiel brachte und an eine Frau in Stöckelschuhen erinnerte. In alldem scheint Hawks freilich nicht nur die Markenzeichen des Stars, die Züge einer Ikone gesehen zu haben, sondern auch etwas Eigensinniges, Abweichendes, sogar Rührendes. Jedenfalls hat er Wayne geerdet, konkretisiert und aus dem Reich des Mythischen in die Geschichte zurückgeholt. Am sinnfälligsten in Red River, einem Film, der von der Entstehung eines Corned-Beef-Imperiums, also: der Akkumulation der großen amerikanischen Vermögen erzählt und die Tatkraft des Wayneschen Helden als eine Form von Unternehmertum fasst.

Später hat der Regisseur, der anders als Ford in praktisch jedem Genre zu Hause war und den Western mühelos mit der Komödie, visuell sogar mit dem Krimi fusionierte, Waynes Auftritt entschärft, indem er ihn mit Kollegen paarte, die ihren eigenen Charme entfalteten und seinen markigen Einzeilern Paroli bieten konnten: dem nuschelnden Dean Martin, dem singenden Ricky Nelson und der erotischen Angie Dickinson in Rio Bravo, einem dekorativ ungewaschenen Robert Mitchum und dem jungen James Caan in El Dorado. Die ironischen Stadtwestern von Hawks erlaubten es John Wayne, sich ein wenig zu entspannen. Ohne den alten Männertraum vom Great Outdoors je ganz aufzugeben, ohne auf Schießereien, schicke Hüte und den ganzen wundervollen Westernkram zu verzichten, konnte er jetzt in mies beleuchteten Kneipen herumhängen, Kaffee trinken, komisch sein, mutmaßlich Sex haben – mit Dickinson! –, seine Wunden lecken und vom Büro des Sheriffs aus seine Boygroups managen. Vielleicht ist es dieser Wayne, die Version 2.0, mit der man es bei den Kindern der Mutant Ninja Turtle - und Manga-Kultur noch mal versuchen könnte.