So ein EU-Russland-Gipfel war bisher kein Ereignis, das über Feinschmeckerkreise hinaus jemanden begeistern konnte. Diesmal aber fuhren die Kameras ganz nah heran an das Stelldichein der EU-Chefs mit Präsident Putin in Samara. Ein Vergleich zeigt, warum. Schaut man zurück auf die früheren Treffen des lupenreinen Schmeichelns, Heuchelns und Schönredens, wird Samara als der Gipfel der geraden Worte in die Chronik eingehen.

Weils so gut klang, hören wir uns die Schlüsselsätze hier noch einmal an. Kanzlerin Merkel über die russischen Demonstranten, die schon verhaftet waren, noch bevor sie demonstrieren konnten: "Ich wünsche mir, dass heute Nachmittag diejenigen, die in Samara ihre Meinung zum Ausdruck bringen wollen, das auch tun können." EU-Kommissionspräsident Barroso über die Verbalattacken und die Sanktionen Moskaus gegen die ostmitteleuropäischen Staaten: "Das polnische, das litauische, das estnische Problem ist eben auch ein europäisches Problem."

Und schon war er ganz nebenbei markiert, der deutliche Unterschied, der heute Europa von Russland trennt: Meinungsfreiheit gegen Meinungsdressur, gleiche Rechte für den Schwächeren gegen den Primat des Stärkeren. Es ist beruhigend, dass europäische Politiker für diese Kluft Worte finden. Aber allein aus dieser Erkenntnis entsteht noch keine neue Ostpolitik. Und diese wird die EU brauchen, um der russischen Herausforderung zu begegnen.

Herausforderung? Nennen wir die Dinge beim Namen. An der Ostgrenze Europas befindet sich kein Not leidendes Russland mehr, dem mancher Europäer in den neunziger Jahren noch mit Tütensuppen aushelfen wollte. Präsident Putin steht an der Spitze einer Regierung, die über einen ausgeglichenen Haushalt ebenso verfügt wie über riesige Devisenbestände, die neben Saudi-Arabien die größte Energiemacht des Globus lenkt, die eine zunehmend gleichgeschaltete Wirtschaft und Gesellschaft für ihre außenpolitischen Zwecke einsetzen kann. Die europäischen Staaten haben ihre Stärken auf anderen Gebieten, und sie huldigen einem anderen Rechts- und Wertesystem. Es wirkt deshalb eigenartig realitätsfremd, wenn europäische Politiker wie leider auch Merkel und Barroso in Samara von "strategischer Partnerschaft" sprechen.

Wie sieht diese "Partnerschaft" aus? Heben wir hier zwei Bereiche hervor, die Europa und Russland allein regeln könnten, wenn denn beide Seiten wollten: das Verhältnis Russlands zu seinen ehemaligen Satellitenstaaten in Ostmitteleuropa und die Energiepolitik.

Die Zeiten sind vorbei, als ein Moskauer Präsident eingestand, dass es der sowjetische Geheimdienst NKWD war, der 1940 in Katyn Zehntausende polnischer Offiziere und Zivilisten wohlkalkuliert ermordete. Michail Gorbatschow fand dazu 1990 ehrliche Worte, Wladimir Putin schweigt darüber. Mehr noch, seine Beamten haben alle wichtigen Dokumente über das Verbrechen in den russischen Archiven gesperrt. Moskau schenkt den ehemaligen Zwangsverbündeten in Ostmitteleuropa nichts mehr.

Genau aus diesem Geiste erwuchsen die Konflikte in jüngster Zeit mit Polen und Estland. Mit Polen hat sich Putin auf einen hässlichen Streit über die Vergangenheit eingelassen. Massenmorde?