Der große Mann der kleinen Leute

Unglaublich. Robert Schumann träumt, bei diesem Getöse. Umbraust von des Mairedners Kampforgan, ruht Zwickaus rühmlicher Sohn auf seinem Postament, unberührt von den Schlechtigkeiten der neoliberalen Welt.

Der Redner kennt sie alle: Hartz IV enteignet die älteren Arbeitnehmer, schamlos steigen die Managergehälter.

Sozialkürzungsparteien schmeißen den Unternehmen Milliarden hinterdrein und vernebeln die Wählerhirne mit dem Gequatsche von Flexibilisierung und Lohnnebenkosten. Lernen wir, die Sprache zu durchschauen!, ruft Oskar Lafontaine. Dann werden wir wissen, wie die Machtstrukturen in unserer Gesellschaft sind.

Schauspieler!, rufts aus dem Volk. Der hat doch dreißig Jahre alles mitgemacht! Von links wird ein SPD-Transparent herbeigetragen: "WIR GRÜSSEN UNSEREN VORSITZENDEN VON GESTERN!" Der Adressierte grüßt wohlgelaunt zurück.

Jetzt zur Außenpolitik: Unter Bombenteppichen wächst kein Frieden.

Hunderttausende Menschen sterben in völkerrechtswidrigen Kriegen für Rohstoffquellen und Absatzmärkte, donnert Lafontaine und zitiert ein sozialistisches Blutopfer, den 1914 ermordeten Jean Jaurès: "Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen." Dann die Vision: Mindestlohn, skandinavische Sozialverhältnisse, ökologische Vernunft. Und eine gesamtdeutsche Linke, wie sie am 16.

Juni aus PDS und WASG entsteht. Glück auf!

Der Markt ist voll und reagiert mit Gunst. Reicher Applaus vom osttypisch angejahrten Publikum. Dann wird es Zeit für Wurst und Bier.

Wir fragen herum: Wie hat Ihnen Lafontaine gefallen?

Gut war er, hat gepasst, sagt der VW-Betriebsrat Torsten Ullmann.

Der große Mann der kleinen Leute

Wendehals, sagt der Lebenskünstler Tobi Kurz. Vor zwanzig Jahren hätte er so sprechen sollen.

Senioren melden lokale Übelstände. Darum sind wir hier, sagt er

Zwickau muss wachgerüttelt werden, sagt der junge VW-Werker Mario Albert. Das gemeine Volk erhebt sich noch nicht gegen die vermeintlich Starken.

Lafontaine benennt gesellschaftliche Hintergründe, das kommt bei den theoriegeleiteten DDR-Sozialisierten gut an, sagt der anonyme Psychologe. Lafontaine spricht Wahrheiten aus, die im öffentlichen Raum kaum einer zu äußern wagt. Sozialabbau, schleichende Militarisierung, Truppeneinsätze, da werden heute im Bundestag Sachen durchgewinkt, die hätten vor zwanzig Jahren die Friedensbewegung auf den Plan gerufen.

Am Stand der SPD wachen tapfer Werner Fischer und Frank Hochmuth, Zwickauer Sozialdemokraten seit Wende-Tagen. Wir hören, Lafontaine sei für sie gestorben und habe in vielen Punkten recht. Oskar ein Verräter? Nein, sagt Hochmuth, aber traurig sind wir gewesen, als er ging. 1990, sagt Fischer, war ich Anhänger von Lafontaine. Wenn man da sagte, Oskar hat recht, holte man sich blutige Köppe von denselben Leuten, die ihm heute zugejubelt haben.

1990 bekam Lafontaine, verfehmt als Feind der deutschen Einheit, gegen Kohl im Osten keine Schnitte. Nun will er Vorsitzender der neuen Linkspartei werden, die bislang vor allem dort, im Osten, stark ist.

Hat die soziale Frage die nationale verdrängt?

Das ist wohl so.

Dieser 1. Mai begann früh, im Hotel. Wir trafen Manfred Hauser, der das Zwickauer WASG-Völkchen führt, und Daniel Sickert, einen seiner jungen Leute. Hauser ist 69, ein wohlsituierter Rentner. Bis 1989 gehörte er der SED an und hat jahrzehntelang das große Reichsbahn-Werk geleitet. Von ehedem 3200 Mitarbeitern stehen noch 50 in Lohn und Brot. Die Massenentlassungen, die Hartz-IV-Gesetze hätten ihn bewogen, die örtliche WASG zu gründen. Das Bündnis versammelte ein buntes Sammelsurium von Linksopponenten Sozialarbeiter, Kirchenmenschen, VW-Leute wie den jungen Sickert, der aus renitenter DDR-Familie stammt. Fluchtpläne hätten existiert. Die PDS, der er nun als Doppelmitglied angehört, sei ihm lange suspekt gewesen, wie auch die IG Metall mit ihrem polemischen Kapitalistenbild. Ich verstehe ein bisschen was von Marktwirtschaft, sagte Sickert, ich kenne ein paar Mittelständler und weiß, was die für Arbeit in ihr Unternehmen stecken.

Und dann, sagte Hauser, zog Schröder 2005 die Bundestagswahl vor.

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Lafontaine kandidierte für die WASG. Das hat alles verändert.

Weil sich da einer an die Spitze setzte, der die Sache nicht begonnen hatte?

Ja, sagte Hauser. Ja. Ja. Ja. Er ist Zugpferd, in Ordnung, aber was uns hier in Sachsen bedrückt: dass wir als kleine WASG mit unseren Vorstellungen und Idealen in der PDS verschwinden.

Ist Lafontaine ein Populist?

Wenn man was verlangt, das sich nicht realisieren lässt, ist es Populismus, sagte Sickert. Bedingungsloses Grundeinkommen und wenn einer nicht arbeiten will? Warum soll ich solche Leute mitfinanzieren?

Pssst!, machte der alte Hauser. Da isser! Lafontaine erschien samt Entourage im Foyer. Der Trupp wanderte in Richtung Markt. Senioren umschwärmten den großen Mann, knipsten, meldeten ihm hektisch die lokalen Übelstände. Genau deshalb sind wir hier, sagte Lafontaine, dagegen wollen wir jetzt Politik machen, schwer wirds, man muss es versuchen. Dann erklomm er die Bühne des DGB und begann jene schmetternde Philippika, die wir schon kennen.

Wir kannten sie seit dem 25. März 2007. Damals beschlossen in Dortmund die Parteitage von PDS und WASG ihre Fusion. Die Tagungen waren von denkwürdigem Kontrast. Bei der PDS redete Lothar Bisky einen Saal voll disziplinierter Parteikader binnen fünf Minuten in wohlige Trance.

Gregor Gysi, allzeit im autogenen Ringkampf mit seinem Ost-Sentiment, warnte vor DDR-Verklärung. Den Abstimmungs-Parcours durchritt man im Galopp. Wie anders die WASG. Endlose Debatten, Querulanz und Individualgebaren. Das Delegiertenvolk wirkte, als wäre ein Schleppnetz durch die West-Linke gegangen und hätte all die sperrig Unzufriedenen gefischt, die nach Jahrzehnten kompromisslerischer Existenz das große "Jetzt reichts!" empfanden. Dann orgelte Lafontaine. Hernach verkündete die Versammlungsleiterin, matt vor Euphorie, am liebsten würde man Oskars Rede unverzüglich als Parteiprogramm beschließen.

So, jetzt besuchen wir ihn endlich. In Lafontaines Büro im Berliner Jakob-Kaiser-Haus empfängt der Papst, als Großporträt. Zu seiner Rechten Walter Ulbricht. Grundgütiger! Warum das?

Lafontaine, erfreut: Damit ich sehen kann, wie der Besucher reagiert.

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Herr Lafontaine, was ist das Volk?

Die Mehrheit. Arbeitnehmer, Rentner, Empfänger sozialer Leistungen.

Frau Merkel, Herrn Ackermann, Herrn von Pierer würde ich nicht zum Volk zählen.

Gibt es noch ein unterscheidend Östliches?

Der Osten ist für einen egalitären Politikansatz ansprechbarer und nicht so neoliberal infiziert.

Was war Ihnen der Osten vor 1989?

Mmh, da fällt ihm vieles ein. Oft in der DDR gewesen, als Beiträger zur Brandtschen Politik der kleinen Schritte. Jugend- und Sportleraustausch, Handelserweiterungen, die Städtepartnerschaft SaarlouisEisenhüttenstadt. Der Saarländer Honecker. Werner Tübkes Bilder, Stefan Heyms König David Bericht, Wolf Biermann und die Liebschaft mit Bettina Wegner.

Den nationalgottesdienstlichen Wendesound haben Sie als Wahlkämpfer 1990 total verfehlt.

Sollte ich schwere Lügen auftischen? Im Westen hieß es: Die Vereinigung kostet nix. Die blühenden Landschaften, das Biedenkopf-Gutachten, wonach der Osten binnen anderthalb Jahren die Produktion des Westens erreichen werde. Diese Währungsumstellung eins zu eins, gegen alle Vernunft.

Der Kurs sollte die Lebensleistungen der Ostler respektieren.

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Die wurden durch die Massenarbeitslosigkeit viel mehr abgewertet. Was nützt mir dann das einig Vaterland? Was ist das für ein Wert, dass man sich in einem bestimmten Staatsgebilde befindet? Ich denke radikal vom Einzelnen her. Ich will, dass die Menschen frei sind, und die Freiheit hat ihre sozialen Bedingungen.

Warum drangen Sie nicht durch?

Tja, warum wählen die meisten Menschen Lohn-, Renten- und Sozialkürzungsparteien? Es gibt eben Metathemen. Das Ökonomische ist sehr selten verständlich zu machen.

Hätte doch die SPD die alten SEDler aufgenommen!

Die meisten Menschen, das wird er später sagen, seien Mitläufer, in jedem System. Die moralischen Urteile des Westens über das Leben der DDRler habe er für völlig ungerechtfertigt gehalten. Es zählt zu den großen Ironien der jüngeren Geschichte, dass es heute vermutlich weder die PDS noch eine gesamtdeutsche Linkspartei gäbe, hätte die SPD nicht nach dem Ende der DDR ehemaligen SED-Mitgliedern die Aufnahme verweigert. 2,3 Millionen Menschen sahen sich politisch unerwünscht.

Diesen Fehler, sagt Lafontaine, verantworte der damalige Vorsitzende.

Hans-Jochen Vogel habe die Taktik nicht begriffen: die SPD als CSU des Ostens, unter umgekehrten Vorzeichen.

Die Tür geht auf. Gregor Gysi tritt ein. Ich rede über den Osten, erklärt Lafontaine, gerade hab ich gesagt: Ich liebe Gregor. Es folgen muntere Darbietungen zum Thema "Lafontaine und Gysi kooperieren prima". Gysi, der Himmel weiß, warum, schwadroniert plötzlich über die DDR-Rundfunk-Pflichtquote 60 zu 40 Prozent zugunsten sozialistischer Musik. Lafontaine bekundet, ihn nerve die englische Radio-Dauerberieselung - wie herzerlabend sei hingegen das französische Chanson. Dann verfügt der Büroeigner: So, jetzt raus hier! Abgang Gysi.

Herr Lafontaine, hielten Sie sich 1998, als Parteichef, für den Koch, den kommenden Kanzler Schröder für den Kellner?

Keineswegs. Er kenne die Kanzlerkompetenzen. Er habe freilich angenommen, Schröder, dem er leider den Kandidatenvortritt überließ, werde Verabredungen einhalten. Ein Irrtum. Anfangs habe das ja geklappt: Kündigungsschutz verbessert, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, das Kindergeld erhöht, die Großwirtschaft stärker belastet. Ich wollte, sagt Lafontaine, auch international Dinge voranbringen: Wechselkursstabilisierung, Reglementierung des Kapitalverkehrs. Da begann der Druck aus London und Amerika. Und der Kosovokrieg, ohne UN-Mandat.

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Warum sind Sie kommentarlos aus dem Amt getürmt?

Mein zweiter Irrtum. Ich wollte der SPD den besten Dienst erweisen und keine Steine werfen. Ich ahnte nicht, wie neoliberal sie sich entwickeln würde.

Fehlt Ihnen die SPD? Die Podien, die Kontakte?

Natürlich. Das war eine quälende Trennung, wie bei einer Beziehung.

Aber was wäre meine Alternative? Privatisieren?

Ganz schlicht gefragt: Warum wollte Schröder, was Sie nicht wollten?

Man kann das habituell sehen. Wir sind beide Underdogs, aus kleinen Verhältnissen aufgestiegen. Da gibts zwei Möglichkeiten: Anpassung oder Widerstand. Schröder passt sich an.

Das war so hübsch, dass es nicht besser werden konnte. Der Rest war Ausblick. Noch sei für die Linke wenig geschafft. Sie bremse den sozialen Kahlschlag. Aber Köpfe fehlten, Unterstützer aus Kultur und Intelligenz. Nötig sei ein Aufbau West. Die WASG habe dort 12000 Mitglieder, die PDS die Hälfte - dies sei zu verdoppeln, sonst bleibe das Projekt ohne Erfolg. Zur ganz großen Linksvision lasen wir Lafontaine ein Zitat aus der Neuen Berliner Illustrierten vom 8.

November 1990 vor: "Die Erfahrungen der Weimarer Zeit zeigen, daß eine Aufsplitterung der sozial progressiven Kräfte zu nichts führt." Da sagte er natürlich, die SPD sei ja nicht mehr links.

Auf jeden Fall ist sie das, sagte in Zwickau der junge Daniel Sickert.

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Die Grundströmungen sind weiterhin vorhanden. Nur der Parteikopf denkt in Richtung Große Koalition.

Audio www.zeit.de/audio