Wendehals, sagt der Lebenskünstler Tobi Kurz. Vor zwanzig Jahren hätte er so sprechen sollen.

Senioren melden lokale Übelstände. Darum sind wir hier, sagt er

Zwickau muss wachgerüttelt werden, sagt der junge VW-Werker Mario Albert. Das gemeine Volk erhebt sich noch nicht gegen die vermeintlich Starken.

Lafontaine benennt gesellschaftliche Hintergründe, das kommt bei den theoriegeleiteten DDR-Sozialisierten gut an, sagt der anonyme Psychologe. Lafontaine spricht Wahrheiten aus, die im öffentlichen Raum kaum einer zu äußern wagt. Sozialabbau, schleichende Militarisierung, Truppeneinsätze, da werden heute im Bundestag Sachen durchgewinkt, die hätten vor zwanzig Jahren die Friedensbewegung auf den Plan gerufen.

Am Stand der SPD wachen tapfer Werner Fischer und Frank Hochmuth, Zwickauer Sozialdemokraten seit Wende-Tagen. Wir hören, Lafontaine sei für sie gestorben und habe in vielen Punkten recht. Oskar ein Verräter? Nein, sagt Hochmuth, aber traurig sind wir gewesen, als er ging. 1990, sagt Fischer, war ich Anhänger von Lafontaine. Wenn man da sagte, Oskar hat recht, holte man sich blutige Köppe von denselben Leuten, die ihm heute zugejubelt haben.

1990 bekam Lafontaine, verfehmt als Feind der deutschen Einheit, gegen Kohl im Osten keine Schnitte. Nun will er Vorsitzender der neuen Linkspartei werden, die bislang vor allem dort, im Osten, stark ist.

Hat die soziale Frage die nationale verdrängt?

Das ist wohl so.

Dieser 1. Mai begann früh, im Hotel. Wir trafen Manfred Hauser, der das Zwickauer WASG-Völkchen führt, und Daniel Sickert, einen seiner jungen Leute. Hauser ist 69, ein wohlsituierter Rentner. Bis 1989 gehörte er der SED an und hat jahrzehntelang das große Reichsbahn-Werk geleitet. Von ehedem 3200 Mitarbeitern stehen noch 50 in Lohn und Brot. Die Massenentlassungen, die Hartz-IV-Gesetze hätten ihn bewogen, die örtliche WASG zu gründen. Das Bündnis versammelte ein buntes Sammelsurium von Linksopponenten Sozialarbeiter, Kirchenmenschen, VW-Leute wie den jungen Sickert, der aus renitenter DDR-Familie stammt. Fluchtpläne hätten existiert. Die PDS, der er nun als Doppelmitglied angehört, sei ihm lange suspekt gewesen, wie auch die IG Metall mit ihrem polemischen Kapitalistenbild. Ich verstehe ein bisschen was von Marktwirtschaft, sagte Sickert, ich kenne ein paar Mittelständler und weiß, was die für Arbeit in ihr Unternehmen stecken.

Und dann, sagte Hauser, zog Schröder 2005 die Bundestagswahl vor.