Die wurden durch die Massenarbeitslosigkeit viel mehr abgewertet. Was nützt mir dann das einig Vaterland? Was ist das für ein Wert, dass man sich in einem bestimmten Staatsgebilde befindet? Ich denke radikal vom Einzelnen her. Ich will, dass die Menschen frei sind, und die Freiheit hat ihre sozialen Bedingungen.

Warum drangen Sie nicht durch?

Tja, warum wählen die meisten Menschen Lohn-, Renten- und Sozialkürzungsparteien? Es gibt eben Metathemen. Das Ökonomische ist sehr selten verständlich zu machen.

Hätte doch die SPD die alten SEDler aufgenommen!

Die meisten Menschen, das wird er später sagen, seien Mitläufer, in jedem System. Die moralischen Urteile des Westens über das Leben der DDRler habe er für völlig ungerechtfertigt gehalten. Es zählt zu den großen Ironien der jüngeren Geschichte, dass es heute vermutlich weder die PDS noch eine gesamtdeutsche Linkspartei gäbe, hätte die SPD nicht nach dem Ende der DDR ehemaligen SED-Mitgliedern die Aufnahme verweigert. 2,3 Millionen Menschen sahen sich politisch unerwünscht.

Diesen Fehler, sagt Lafontaine, verantworte der damalige Vorsitzende.

Hans-Jochen Vogel habe die Taktik nicht begriffen: die SPD als CSU des Ostens, unter umgekehrten Vorzeichen.

Die Tür geht auf. Gregor Gysi tritt ein. Ich rede über den Osten, erklärt Lafontaine, gerade hab ich gesagt: Ich liebe Gregor. Es folgen muntere Darbietungen zum Thema "Lafontaine und Gysi kooperieren prima". Gysi, der Himmel weiß, warum, schwadroniert plötzlich über die DDR-Rundfunk-Pflichtquote 60 zu 40 Prozent zugunsten sozialistischer Musik. Lafontaine bekundet, ihn nerve die englische Radio-Dauerberieselung - wie herzerlabend sei hingegen das französische Chanson. Dann verfügt der Büroeigner: So, jetzt raus hier! Abgang Gysi.

Herr Lafontaine, hielten Sie sich 1998, als Parteichef, für den Koch, den kommenden Kanzler Schröder für den Kellner?

Keineswegs. Er kenne die Kanzlerkompetenzen. Er habe freilich angenommen, Schröder, dem er leider den Kandidatenvortritt überließ, werde Verabredungen einhalten. Ein Irrtum. Anfangs habe das ja geklappt: Kündigungsschutz verbessert, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, das Kindergeld erhöht, die Großwirtschaft stärker belastet. Ich wollte, sagt Lafontaine, auch international Dinge voranbringen: Wechselkursstabilisierung, Reglementierung des Kapitalverkehrs. Da begann der Druck aus London und Amerika. Und der Kosovokrieg, ohne UN-Mandat.