Anders etwa als in Europa, wo christliche Wertvorstellungen wie Gerechtigkeit und Solidarität weitgehend durch den Sozialstaat absorbiert werden, mangelt es in Südamerika an vergleichbaren Institutionen, sodass der Kirche dort die Rolle eines sozialen Komplementärs zufällt, als Gegenkraft zu Ausbeutung und Unterdrückung. Deshalb verschmelzen auf diesem Kontinent Religion und Politik eher zu einer Art sozialer Gegenbewegung.

Das ist der römischen Kurie naturgemäß ein Dorn im Auge. Denn die Befreiungstheologie praktiziert einen gestaltenden Glauben, der dem Selbstverständnis einer missionarisch zwar geschäftigen, politisch aber zurückhaltenden Amtskirche eher zuwiderläuft. Vor diesem Hintergrund erscheint es völlig fehl am Platze und heuchlerisch, wenn die Vertreter der Opfer (Befreiungstheologen) zur Ordnung gerufen werden, anstatt den Ausbeutern und Blutsaugern einmal die Leviten zu lesen.

Mit einem solchen Verhalten bringt sich die katholische Kirche in die gefährliche Nähe einer Mittäterschaft durch Unterlassen. Und erinnert damit in beschämender Weise an die passive, duldende Haltung, die der Vatikan während der NS-Diktatur eingenommen hat. Wenn Rom sich dieser besonderen Situation eines Junktims aus Religion und Politik nicht stellt, wird es in Südamerika immer mehr an Boden verlieren. Denn die geschundenen Menschen werden den Glauben an einen gerechten Gott schnell verlieren, dessen Stellvertreter auf Erden nicht mit entsprechenden "Vollmachten" ausgestattet ist.

Wolfgang Gerhards, Berlin

Die Befreiungstheologie war ohne Zweifel die erste religiöse Bewegung in Lateinamerika, die die Überwindung der Armut und anderer sozialer Ungerechtigkei- ten in den Mittelpunkt theologischer Reflexion und kirchlicher Praxis gestellt und schöpferische Impulse für die Entstehung sozialkritischer und sozial engagierter Gemeinden, der sogenannten "Basisgemeinden", gegeben hat. Das ist trotz der Defizite der Befreiungstheologie zu würdigen und zu begrüßen.

Die älteste "Kirche der Armen" im Sinne einer Kirche "von den Armen" und "für die Armen" waren aber nicht die Basisgemeinden, sondern die Pfingstkirchen. In ihren unzähligen Gemeinden wird die Armut wenn auch mit anderen Kategorien als in den Basisgemeinden ebenfalls theologisch reflektiert und bekämpft. Und das sollte bei aller berechtigten Kritik an problematischen Aspekten der Pfingstbewegung auch gewürdigt und nicht wie Herr Schmidt-Häuer es tut als "Betäubung" abgetan werden.

Dr. theol. Joao Carlos Schmidt, Aalen