Dichter haben ein Leben, in dem ihre Verse entstehen, genau dieses eine Leben. Und Wissenschaftler mit all ihren Lektüren von Versen, mit all ihren Kenntnissen über Literatur haben ein Leben, in dem ihre Deutungen von Dichtung entstehen, auch genau dieses eine. Ruth Klüger, Germanistin, 1931 in Wien geboren, eine Überlebende von Auschwitz, 1947 nach Amerika emigriert und dort Professorin an den angesehensten Universitäten, hat nun ihre individuelle Geschichte mit der deutschsprachigen Lyrik zu einem Buch über Gedichte gemacht, in dem die Werke, die Dichter und ihre Deutung so taghell, so einleuchtend zusammenhängen, dass man meinen kann, nichts Einfacheres gäbe es als das Lesen von Lyrik. Dieses Buch schreibt nichts vor, es will nur aufmerksam machen, will die "Leuchtkraft sichtbar" machen, die Gedichten innewohnt. Das tut es.

Als habe die Philosophie den Zugang zur Kunst nicht durch ihre begriffliche Architektonik für viele eher verstellt als erschlossen, als habe die Literaturwissenschaft nicht jedes sprachliche Zeichen in Texttheorien gefasst, die das Lesen zu einer Hochleistung des Entzifferns machen, spricht diese Expertin wie voraussetzungslos zu jedem, der lesen will. Je ein Gedicht im Original der zweite Merseburger Zauberspruch, Über das Unaussprechliche heilige Geistes-Eingeben der Greiffenberg bis hin zu Robert Gernhardts Couplet von der Erblast und Robert Schindels Nullsucht 15 , dazu je zwei bis drei Seiten Lektürehilfe von Ruth Klüger: So geht das Buch vor, das ist die Methode der Frankfurter Anthologie, in der diese knapp drei Dutzend Gedicht-Lektüren von Klüger zuerst erschienen.

Die bis zum Verdruss kommentierten Urworte. Orphisch von Goethe? " Über kein anderes Goethe-Gedicht ist mehr geschrieben worden als über dieses, und das will was heißen! Und doch ist kaum ein anderes so leicht zu verstehen. Es leuchtet sofort ein, man kann sich gar nicht irren." So klingt Klügers Ton. Man kann sich diesem deutenden Ich kaum entziehen.

Dieses Ich hat Erfahrungen mit Lyrik gemacht, die weithin als unaussprechlich gelten, Klüger aber berichtet von ihnen. " Schillers Balladen: Sie waren brauchbar", so bilanziert sie in einem der Aufsätze, die den Einzelinterpretationen in diesem Buch hinzugefügt sind, ihr Verhältnis zu jener unverzeihlichen Reimerei, die der Klassiker schulbildend auf die Nachwelt kommen ließ. Brauchbar?

Schillers Balladen aufsagend, Zeile für Zeile, hatte das Mädchen in Auschwitz die endlosen Appelle überstanden. Die Verse vertrieben selbst diese Zeit. " Einem Korpus von Gedichten, der einem einmal eine derartige Stütze gewesen ist, bleibt man verpflichtet."

So ist aus dem Mädchen eine lebenslange Leserin von Gedichten geworden und eine Kennerin der Leben, in denen diese Gedichte entstanden. Es sind viele jüdische, viele weibliche Leben, denen die Aufmerksamkeit von Ruth Klüger gilt, dafür fehlen hier Hölderlin, George, auch Rilke.

Das "erste und vielleicht beste feministische Gedicht in deutscher Sprache" findet Klüger in jenem Am Turme der Droste, das sprachlich die weiblichen Fesseln zu lösen versucht, die für diese Konservative im Leben zu lösen nicht waren. Und zu Heines Babylonischen Sorgen notiert Klüger zuerst: "Kein deutscher Dichter ist so lange, so langsam, so hellwach gestorben wie Heine", und also versteht sie den Dichter, Strophe für Strophe, auch als "Psychologen der Todeserwartung". Paul Celans Todesfuge ist ihr nicht zu schreckend, um sie in ihre klärenden Lektüren aufzunehmen, und Christian Morgensterns Die Behörde nicht zu komisch. Auch die besten Gedichte sind keine heiligen Schriften, sie sind weltliche Kunst und können also für weltliche Augen einleuchtend sein.