Der Jazz-Kritiker Gunther Schuller prägte einmal die Wendung vom third stream. Mit dieser "dritten Strömung" nach der Klassik und dem Jazz war eine Schnittmenge zwischen beiden gemeint, eine avanciert komponierte "ernste" Musik, zu der von klassischer Seite auch Komponisten wie Strawinsky, Ravel, Gershwin oder Poulenc beitrugen.

Oliver Nelson war ein weitgehend unauffälliger Saxofonbegleiter, bis er 1959 begann, seine eigenen Gruppen zusammenzustellen, zu arrangieren und das Saxofonspiel immer wieder zugunsten des Arrangierens und Dirigierens zurückzustellen. Der Klassiker unter Nelsons Alben ist das 1961 erschienene Blues and the Abstract Truth (Impulse), das, gemeinsam mit der drei Jahre später erschienenen Fortsetzung, als "Blues des denkenden Mannes" beschrieben wurde.

Wohlgemerkt sind dies strotzend potente, saftig klingende Alben voller Vitalität und Selbstbewusstsein. Zugleich klingen die Arrangements oft klassisch im Sinne der klassischen Musik mit ihren starken Holzbläsergruppen samt Englischhorn, mit ihrer Reduktion der improvisatorischen Elemente, und bei alledem scheut Nelson keineswegs den Eindruck, dass es sich hier um durchkomponierte und dirigierte Musik handelt, voller Elemente des third stream. Die Arnold-Shaw-Komposition Night Lights etwa ist ein Stück, das auch aus der Feder von Darius Milhaud stammen könnte.

Im März 1961 machte seine Plattenfirma Oliver Nelson den Vorschlag, ein Album mit afroamerikanischen Tunes einzuspielen eine Idee, die dieser zuerst nicht mochte angesichts der oft verlogen folkloristischen Annäherung an den afrikanischen Kontinent. Doch er begann mit Studien, reiste und erforschte die Verwendung der Instrumente in der afrikanischen Musik, der Percussions für die Dramatisierung von Ereignissen, der Bläser als Ersatz für die menschliche Stimme. Heraus kam eine afroamerikanische Suite in sieben Teilen. Ihr Mittelteil ist überschrieben: "es ist ein Sehnen tief in mir", tief tönt das Verlangen aus den Afro-American Sketches (Prestige).

Wenn das Saxofon einsetzt mit der Prägnanz einer Schlangenbeschwörer-Stimme, einer Sirene, die sich windet und hinter der erst dann das Orchester mit großem brütendem Sound anschwillt, dann klingt wie im Heimweh der afrikanische Kontinent als ein Sound-Massiv mit, und rund um die Solostimme vibriert und dröhnt und rauscht es aus den Weiten des Ensembles. Magisch.