Es ist noch immer bitter, diese Bilder zu betrachten: Ignatz Bubis in der Frankfurter Paulskirche, auf seinem Stuhl mehr liegend als sitzend, zurückgeworfen, zusammengesunken unter Worten, die ihm Hiebe waren - am Rednerpult Martin Walser, von Beifallsbekundungen unterbrochen, der von der "Moralkeule Auschwitz" und der "Dauerpräsentation unserer Schande", von seiner Sehnsucht nach deutscher Normalität und dem Wunsch, das Gedenken an den Holocaust zu einer Privatangelegenheit zu machen, spricht. Als Walser seine "Sonntagsrede" mit den Worten "So viel zum Schönen" beendet hat, steht man applaudierend auf. Nur Bubis und seine Frau bleiben sitzen.

Umso trauriger stimmen diese Bilder, weil sie zu den letzten seines Lebens gehören. In der Frankfurter Ausstellung Ignatz Bubis Ein jüdisches Leben in Deutschland folgen ihnen noch zwei Fotos, die Bubis im Rollstuhl zeigen, müde und enttäuscht. In einem Interview, kurz vor seinem Tod, sagt er: "Ich habe nichts oder fast nichts bewirkt. Die Mehrheit hat nicht einmal kapiert, worum es mir ging. Wir sind fremd geblieben"

Seine Verfügung, in Israel begraben zu werden, lässt keinen Zweifel daran, wie ernst es dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden mit diesen Worten war - keinen Zweifel, wie tragisch das Leben eines Menschen endete, der die Möglichkeit eines deutschen Judentums eröffnet und verfochten, der womöglich eine jüdische Normalität in Deutschland erträumt hat, von der die so oft ersehnte und vorschnell verkündete "deutsche Normalität" überhaupt erst ihren Ausgang nehmen könnte.

So liegt auch der Schwerpunkt der Ausstellung nicht auf Bubis persönlicher Geschichte. Wenig erfahren wir über das Drama seiner Jugend, den Verlust seiner Familie, die Zeit im Debliner Ghetto, die Deportation ins Arbeitslager Tschenstochau. Stattdessen geht es um die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, in die Bubis gerät und die Variationen desselben Themas sind: des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden in Deutschland nach 1945. Nicht als Zeuge des nationalsozialistischen Grauens wird uns Bubis präsentiert, sondern als exemplarische Figur, in der sich die bislang wenig erforschte deutsch-jüdische Nachkriegsgeschichte kristallisiert.

Es beginnt mit dem berüchtigten "Häuserkampf" im Frankfurter Westend.

Bubis, der Ende der fünfziger Jahre das Geld seines florierenden Schmuckhandels in Frankfurter Immobilien investierte, gehörte Anfang der siebziger Jahre zu jenen Investoren, die hier günstige Altbauten kauften, um sie in Büroraum zu verwandeln. Der Widerstand gegen die Abrisspläne war verständlich schockierend jedoch ist bis heute der eklatante Antisemitismus, der ihn begleitete. In einem Papier des Ortsvereins Westend war von einer "Gruppe jüdischer Spekulanten" die Rede, obwohl die Mehrheit der Investoren nicht jüdischer Herkunft war.

Und im Fall von Bubis war bekannt, dass er sich um Kompromisse mit den Bewohnern mühte. Dass er trotzdem zum Inbegriff des bösen Spekulanten avancierte, gab Adornos Wort aus den Minima Moralia recht: "Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden."