Der Philosoph Jürgen Habermas macht sich Sorgen um die Zukunft der seriösen Presse in Deutschland, und das ist ihm hoch anzurechnen. Er gehört seit seinem Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit zu den besten Kennern, seine Stimme hat großes Gewicht. Nun nimmt er den bevorstehenden Verkauf der Mehrheit der Anteile an der Süddeutschen Zeitung zum Anlass seiner Intervention. Dass er dies ausgerechnet in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung tut, zeigt schon, was ihm besonders bewahrenswert erscheint: Redakteure und natürlich Verleger , die unabhängig und souverän genug sind, sich kritische Töne auch in eigener Sache zu leisten. Aber ist die SZ, "eine der beiden besten überregionalen Tageszeitungen der Bundesrepublik", wie Habermas sie lobt, sind die Qualitätszeitungen insgesamt tatsächlich in Gefahr?

Habermas fürchtet sich vor Unternehmern oder Investoren, deren Gewinnerwartung über dem liegt, was aus einer anspruchsvollen Zeitung herauszupressen ist. Dann drohten Rationalisierungsmaßnahmen und Qualitätsverlust. Dabei geht es ihm nicht allein um die Einhaltung journalistischer Standards, sondern um die Substanz der Demokratie schlechthin: Ohne "Leitmedien" gebe es keine vernünftige öffentliche Diskussion und letztlich auch keine Kontrolle der Politik. Um die Voraussetzung für die Meinungsbildung der Bürger zu erhalten, brauche die Qualitätspresse deshalb einen besonderen Schutz. Was tun, wenn Zeitungen in Not geraten? Habermas deutet Hilfsmaßnahmen an: Das könnten, wie im Falle der wirtschaftlich tatsächlich gefährdeten Frankfurter Rundschau, staatliche Gelder sein oder Steuervergünstigungen für Verlegerfamilien - oder auch Stiftungen mit "öffentlicher Beteiligung", was wohl auf ein Kontrollsystem wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinausliefe.

Fast alle Qualitätsblätter in Deutschland sind heute schwer kalkulierbaren Risiken ausgesetzt. Aber es ist den immer noch erstaunlich vielen guten Zeitungen und Magazinen in Deutschland sehr zu wünschen, dass sie niemals auf staatliche Hilfe angewiesen sein werden. Denn Zeitungen, die am Tropf hängen, müssen in aller Regel mehr Rücksichten nehmen als wirtschaftlich prosperierende Publikationen in der Hand eines Verlegers. Und wo die Akzeptanz auf dem Markt nicht mehr als Indikator für die eigene Leistung angesehen wird, können sich durch Subventionen alimentierte Journalisten leicht ins Autistische verlieren. Dann wäre nur der Leser schuld, wenn er ihre Zeitung nicht mehr annimmt, oder, so könnte es vielleicht der mit den Jahren skeptischer gewordene Habermas überhöhen: die Moderne, die an sich selbst dumm geworden ist (oder an schlechter gewordenen Zeitungen). Im Übrigen verlassen sich nicht einmal die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten allein auf die Vorlieben ihrer Mitarbeiter. Zwar sollten sie, ruhig auch stärker als zuletzt, eine Grundversorgung mit allen Programmformen leisten, unabhängig von der Einschaltquote. Aber den Anspruch auf Akzeptanz durch das Publikum gibt keine vernünftig geführte Anstalt auf, ohne ihre Existenzberechtigung zu riskieren.

In Wahrheit gehören die Zeitungen in Deutschland zu den besten der Welt, deswegen haben sie auch Zukunft. Und wenn nicht, dann liegt es nur zum Teil außerhalb ihrer Verantwortung. Die Süddeutsche Zeitung ist durchaus ein Beispiel für einen journalistisch unverschuldeten GAU. Im Jahr 2002 wurde nämlich ein Marktgesetz außer Kraft gesetzt: Trotz einer steigenden Auflage, also einer größeren Nachfrage, stand die Zeitung am Rande des Ruins, weil der Anzeigenmarkt zusammengebrochen war. Spätestens seit dieser für alle Zeitungsleute traumatisierenden Erfahrung müsste klar sein: Redaktionen müssen zeitweilig sparen, damit ihre Blätter wieder genesen, Verleger müssen sich mit wechselnden und manchmal auch überschaubaren Renditen abfinden. Sind sie echte Verleger, und eben keine Heuschrecken, vor denen sich Habermas fürchtet, und sind sie dazu nicht auf ein einziges Blatt angewiesen, dann werden sie auch eine andere Währung schätzen als den gewohnten Cashflow: Prestige und Einfluss, die ihnen die großen Titel in Deutschland nach wie vor bescheren.

Die Entwicklung der Anzeigenmärkte wird unberechenbar bleiben, die Zeitungen werden darauf vielleicht wieder mit Preiserhöhungen reagieren müssen. Das wird den Kreis der Leserinnen und Leser eingrenzen, aber nicht schmerzhaft dezimieren. Es ist ohnehin realistisch anzunehmen, dass die hohen Auflagen der überregionalen Blätter allenfalls zu halten, aber nur im Ausnahmefall noch zu steigern sind. Zu groß ist die unaufhaltsame Konkurrenz des Internets, zu ausufernd das Angebot immer neuer Titel und Ableger etablierter Marken. Die Qualitätszeitung, die allem und jedem gerecht wird, ist nicht mehr machbar, die Zielgruppen sind dafür homogener und anspruchsvoller geworden.

Was die Zukunft des gedruckten Wortes zusätzlich belastet, ist leider selbst verschuldet. Da sind zum einen Verleger und Manager auch profitabler Zeitungen und Zeitschriften, die den Eindruck erwecken, als gehörte allein ihren (noch unrentablen) Onlineangeboten die Zukunft, während Print eine aussterbende Gattung sei eine wirklich famose Werbung für ihre Blätter, auf die sie noch lange angewiesen sein werden. Und da sind zum anderen selbstzerstörerische Sparmaßnahmen, die in Deutschland einige Lokalzeitungen nahe an die Bedeutungslosigkeit gebracht haben.

Gerne wird auf den Leserschwund in Amerika verwiesen, als Menetekel für eine weltweit unumkehrbare Entwicklung. Und kaum einer fragt, ob nicht manchmal auch die Verlage haftbar gemacht werden müssen, wenn sich Leser und Anzeigenkunden abwenden. Der amerikanische Medienforscher Philip Meyer kommt in seinem Buch The Vanishing Newspaper zu dem Schluss, dass "weniger Qualität das Vertrauen in die Zeitungen untergraben" werde - ein vertrauenswürdiges Blatt dagegen sei auch für Anzeigen wertvoller. Seine Kollegin Cho Sooyoung weist nach, dass 27 amerikanische Tageszeitungen mit verbesserter Qualität einen höheren Auflagenzuwachs hatten als 98 Vergleichszeitungen. Man sieht also: Qualität kann sich auch auszahlen.