»Abgeordnete streiten über Bildung in Deutschland«, »Hitzige Debatte über die Zukunft des Lernens«. So könnten die Schlagzeilen lauten, wenn am Donnerstag dieser Woche der Bundestag den Nationalen Bildungsbericht debattiert. Schließlich handelt es sich um eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal beschäftigt sich das höchste politische Gremium mit dem ersten umfassenden Report über den Zustand von Kitas, Schulen und Universitäten in Deutschland.

Es wird jedoch keine Schlagzeilen geben. Aller Voraussicht nach nicht einmal Meldungen. Denn die Tagesordnung sieht »Bildung in Deutschland« zu einem Zeitpunkt vor, an dem alle Zeitungen längst Redaktionsschluss haben. Auch die Abgeordneten schlafen dann. Sie haben ihre Redemanuskripte nur zu Protokoll gegeben.

Mehr als ein Jahr hat es gedauert, bis sich das Berliner Parlament überhaupt mit dem Nationalen Bildungsbericht 2006 im Plenum befasst – und dann mitten in der Nacht, gegen drei Uhr. Dieser obskure Zeitpunkt für die »Bearbeitung« im Bundestag erinnert an den obskuren Ort, an dem die Bildungsminister der Bundesländer den Report vor einem Jahr vorstellten: fernab der Öffentlichkeit im norddeutschen Städtchen Plön. Schleswig-Holstein, das turnusmäßig der Kultusministerkonferenz vorsaß, hatte den Ort bestimmt.

Dabei war der Report einst großspurig angekündigt worden, als »Einstieg in eine neue Steuerungsphilosophie« und als »Beispiel für einen funktionierenden Föderalismus«. Der Plan sah vor, dass unabhängige Forscher alle zwei Jahre ein ungeschminktes Bild der Bildungslandschaft zeichnen. Auf dieser empirischen Basis sollten Bund und Länder gemeinsam eine nationale Bildungsstrategie entwickeln.

Dass die Politik jedoch unabhängigen Sachverstand eher scheut als schätzt, zeigte sich schon bald. Schlussfolgerungen oder gar Empfehlungen durften die Wissenschaftler aus ihren Analysen nicht ableiten. Auch die Ursachenforschung über die Probleme – etwa die extreme soziale Ungleichheit im Schulsystem – fiel qua Auftrag dürftig aus. Heraus kam eine nützliche Fleißarbeit, die viel Bekanntes präsentiert und manch Neues gut versteckt.

Die Folge: In der Öffentlichkeit geht das kastrierte Werk unter. Kaum ein Lehrer, Professor oder Erzieher dürfte überhaupt wissen, dass es den Bericht gibt. Für die Abgeordneten in den Ländern gilt dasselbe. Sie bestimmen zwar mit ihren Gesetzen die Wirklichkeit in Hörsälen und Lehrerzimmern – doch kaum ein Landesparlament hat sich mit der Analyse befasst.

Auch Bundesministerin Annette Schavan hat den Report bisher nicht für sich entdeckt. Nach der Föderalismusreform hat sie in Schulen und Universitäten fast nichts mehr zu sagen. Der Bildungsbericht aber, den sie mitfinanziert, böte ihr die Gelegenheit, über die Zukunft von Schülern und Studenten mitzureden. Bislang hat sie die Chance nicht ergriffen.

Hier können Sie den Bericht lesen