Das Kämpferische und freudig Neugierige, das Hans Wollschläger besonders charakterisierte, war in den letzten Jahren immer mehr einer milden Einsicht gewichen in die Vergänglichkeit und in die grundsätzliche Unbelehrbarkeit, ja selbstmörderische Dummheit der menschlichen Spezies. Verachten konnte er sie dennoch nicht, wusste gerade er doch, zu welchen Meisterwerken die menschliche Natur fähig ist: in der Musik, die er als studierter Kirchenmusiker und Mahler-Experte besonders liebte, in der bildenden Kunst und in der Literatur, der er als Autor, Übersetzer und Herausgeber ein Leben lang die Treue hielt.

Seit 1962 nannte er sich freier Schriftsteller und war gleichwohl von 1957 bis 1970 in Bamberg für den Karl-May-Verlag tätig. Ein Verhältnis, das wegen der kuriosen Editionspraxis dort zerbrach und ihn zu allerlei scharfen Angriffen auf die Firma ermunterte.

Altersmilde und an der Sache zu sehr interessiert, übernahm er dennoch in den letzten Jahren wieder Arbeit und gab Mays Spätwerk Ardistan und Dschinnistan heraus.

Den passionierten Polemiker Wollschläger kann man nicht nur in den Streitschriften wider die Diamantschleifer des Karl-May-Verlags erleben. Zu einer Zeit, da man an den hohen Schulen noch durchweg Hehres über die Kreuzzüge hörte, bewies er in seinem grandios parteiischen, aber belegreichen Buch Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, wie erbarmungslos mörderische Kirchenideologen und gierige Geschäftsleute ihr gigantisches Schlachten planten und umsetzten. Zu einer Zeit, da man BSE noch für einen Firmennamen gehalten hätte, entdeckte er in den Massenvernichtungssystemen unserer Fleischgier Das Potential Mengele - so der Untertitel der Streitschrift Tiere sehen dich an.

Gelebt hat er lange Jahre von Übersetzungen. Krimis von Chandler und Hammett waren darunter, Edgar Allan Poes Werke zusammen mit Arno Schmidt, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband und der Ulysses von James Joyce: eine ganz eigenwüchsige Großtat, die Tausenden erstmals eine Vorstellung vom Reichtum dieses Paradefalls moderner Literatur gab.

Bamberg blieb bis zur Jahrtausendwende seine Heimatstadt. Ihr setzte er mit dem ersten Band seines Romans Herzgewächse oder Der Fall Adams.

Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern ein Denkmal. Äußerlich geht es in dieser Variation des Faust-Stoffs um das Schicksal des Emigranten Michael Adams, der nach fünfzehn Jahren Exil wieder Bamberg besucht. Wichtiger aber ist die polyfone Romankomposition aus immer neuen Sinnschichten, die mit Hilfe der Typografie in einer Art Sprachpartitur lesbar werden. Die Kritik reagierte auf dieses intellektuelle Wagstück teils verstört, teils enthusiastisch, verknüpft es doch modernes Erzählen (geschult an Joyce, Schmidt, Thomas Mann) mit Zeitkritik am bigott-obszönen Geist der Adenauerjahre und einer mythopsychischen Menschengeschichte des Individuums wie der Gattung. Der zweite Band, lange angekündigt, immer wieder verschoben, erschien nicht. Wollschläger zog sich zurück und kam je länger, je mehr der Welt abhanden. In der Nacht zum 19. Mai ist Wollschläger im Alter von 72 Jahren in Bamberg gestorben.