Der ideale Rundgang durch Lyon beginnt, wo die alten Römer ihre Siedlung Lugdunum gründeten. Oben auf dem Hügel von Fourvière neben der Basilika Notre-Dame, deren vier klotzige Türme in den Morgenhimmel ragen. Auf der Aussichtsplattform steht Jean-Luc Chavent, spannenlanger Geschichtserzähler mit grauem Walrossbart, umringt von einer Touristengruppe. " Es wäre unfair", sagt er, "diese Aussicht ganz für sich allein zu genießen."

Die 2000 Jahre alte Stadt am Zusammenfluss von Rh'ne und Sa'ne hat fast eine halbe Million Einwohner. Doch im Morgendunst erinnert sie an eine toskanische Kleinstadt. Rosa erleuchtet die Sonne das Mosaik der Dächer des verwinkelten Vieux-Lyon am linken Ufer der Sa'ne, Europas bedeutendstes Renaissance-Ensemble nach Venedig. Links daneben steigt sanft der andere Hausberg an: Croix Rousse mit den schmuckloseren Gebäuden, in denen im 19. Jahrhundert 8000 Seidenweber schufteten seit 1998 zusammen mit Vieux-Lyon Weltkulturerbe der Unesco.

"In den schattigen Straßenschluchten dieser beiden Viertel verbergen sich Schätze", sagt Chavent. " Der Lyonnaiser mag gern Innereien.

Vielleicht interessieren mich deshalb die Dinge hinter den Fassaden."

Ehe er aufbricht zur Führung durch sein Reich der Dunkelheit, zeigt er auf die andere Seite, nach Osten. Licht umspielt die Plätze der Halbinsel zwischen den trägen Flüssen, am Ufer der Rh'ne funkelt das gläserne Kongresszentrum von Renzo Piano. Und weiter hinten zeichnet sich das Planquadrat der Cité des Etats-Unis ab eine Sozialbausiedlung, die mit ihren farbenfroh bemalten Fassaden fast ebenso viele Besucher anzieht wie der historische Kern. Auch diese helle Seite der Stadt soll Ziel der Besichtigung sein. Fürs Erste aber gilt es, Chavent ins Zwielicht zu folgen.

Der treibt seine Kundschaft durch das Gängeviertel von Vieux-Lyon, wo italienische Tuchhändler im 16. Jahrhundert ihre Ware umschlugen und während der Revolution blutige Unruhen tobten. Fast scheint es, als sei das Geflecht aus Gassen und schummrigen Passagen hinter wuchtigen Holzportalen der Technik des Seidenwebens nachempfunden. Kette und Schuss so heißt das rechtwinklig verkreuzte System aus Längs- und Querfäden, das die alten Meister zu feinem Gespinst vernetzten. 20 Zentimeter schafften sie an einem Arbeitstag. Auf die Stoffe für sein Schlafgemach musste der Sonnenkönig 17 Jahre lang warten.

Kette und Schuss dieses Prinzip spiegelt sich bis heute in der Altstadt, die über viele Jahrhunderte wuchs. Die Ketten, das sind die Straßen parallel zur Sa'ne entlang des Berghangs. Die Schüsse sind die Korridore, die sie verbinden. Sie wurden zuerst von Maurern und Steinmetzen der Antike angelegt, damit man auf kürzestem Weg hinab zu den Wasserschöpfstellen gelangte. Die Baumeister der Renaissance ließen die 20 bis 30 Meter langen Gewölbe auf prächtige Hinterhöfe oder die Wendeltreppen trutziger Türme zulaufen und sich dahinter verjüngen. Am Ende des Durchgangs dann wieder ein Tor, das sich knarzend öffnet. Man tritt hinaus auf die nächste Straßenader und treibt, kurz geblendet von gleißender Mittagssonne, wieder mit im Menschenstrom. Oder taucht hinter dem ortskundigen Monsieur Chavent in den nächsten lichtarmen Tunnel Richtung Sa'ne.