Eine deutsche Begrüßung in Neu-Delhi? Kirit Parikh, Mitglied der indischen Planungskommission und damit des wichtigsten Beratergremiums der Regierung, hat früher im österreichischen Laxenburg geforscht - daher der gemütliche Wiener Sound. Freundlich zugewandt ist der Ingenieur und Entwicklungsökonom natürlich auch in seiner eigenen Sprache. Aber einmal schneiden seine Worte: "Wovon reden diese Leute überhaupt?"

Die Gesprächsatmosphäre kühlt in Indien häufig erst einmal ab, fragt man als Europäer nach der Verantwortung des Landes für die Erderwärmung und nach den Vorstößen der G8-Regierungen, auch die boomenden Schwellenländer auf mehr Klimaschutz zu verpflichten.

Tatsächlich pumpt nicht nur China immer mehr Klimagase in die Erdatmosphäre - auch Indien gehört längst zu den Top Ten der Klimasünder. Die Milliardenbevölkerung nimmt mehr als doppelt so schnell zu wie die chinesische, und die Wirtschaft wächst jährlich um acht Prozent. Allein in den neunziger Jahren ist der Energieverbrauch auf dem Subkontinent um 61 Prozent gestiegen. Bis 2020 könnten sich die CO2-Emissionen verdreifachen. Die Sorge des Nordens um das indische Emissionswachstum kommt also nicht von ungefähr. Offiziell jedoch lehnt die indische Regierung verbindliche Klimaschutzverpflichtungen beharrlich ab.

Aus nachvollziehbaren Gründen. " Wir haben den Treibhauseffekt nicht verursacht", sagt Kirit Parikh. Tatsächlich waren und sind es ungleich wirkungsvoller die OECD-Staaten, die der Erdatmosphäre einheizen.

Allein die USA stoßen pro Jahr fast ein Viertel der globalen CO2-Emissionen aus Indien vier Prozent, trotz der vierfachen Einwohnerzahl.

Neben jener wachsenden Minderheit, die seit ein paar Jahren im jüngsten Maruti-Modell zur klimatisierten Shopping Mall brausen kann, um dort den neuesten Flachbildschirm zu erstehen, lebt eben noch immer rund ein Drittel der indischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und ein weiteres Drittel kaum darüber. 57 Prozent der ländlichen Haushalte und 12 Prozent der Städter haben nicht einmal einen Stromanschluss. Deshalb gehört der Pro-Kopf-Ausstoß eines Inders zu den niedrigsten der Welt. Statistisch gesehen, verursacht jeder Europäer das Zehnfache, jeder Amerikaner das Zwanzigfache an schädlichen Emissionen.

Trotzdem werden die Folgen des Klimawandels die Inder mit voller Wucht ereilen - auch daher rührt Kirit Parikhs gereizte Reaktion. Jene imposanten Himalaya-Gletscher etwa, die auf einem Gemälde hinter seinem Schreibtisch noch schlohweiße Schneekappen tragen, schmelzen bereits - sie sind aber als Wasserspeicher für die Landwirtschaft existenziell. Auch in südlicheren Landesteilen häufen sich Dürren und Fluten. Mit welchem Recht also, fragen die meisten Inder, kommen jetzt ausgerechnet die Prasser aus dem Norden und wollen mit Klimaschutzauflagen den gerade erst aufkeimenden Wohlstand wieder ersticken?

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