DIE ZEIT: Herr Steinbrück, 1976 waren Sie kurzzeitig arbeitslos, weil der Verfassungsschutz Sie als "Sicherheitsrisiko" eingestuft hatte. Wie sehr hat das Ihr Bild vom Staat geprägt?

Peer Steinbrück: Ich habe damals eine fast kafkaeske Erfahrung gemacht. Die Vorwürfe hatten keine Grundlage. Aber beim Versuch, etwas dagegen zu unternehmen, musste ich erleben, wie man im Kampf gegen eine anonyme Bürokratie und Akten, die den eigenen Namen nicht freigeben, ins Leere laufen kann deprimierend. Deshalb trete ich für bürgerliche Freiheit und den liberalen Rechtsstaat ein. Aber was heute als Minister mein Staatsverständnis prägt, speist sich aus anderen Eindrücken.

ZEIT: Und die wären?

Steinbrück: Wir genießen eine erfreuliche gesellschaftliche Stabilität. Sie könnte uns in der Rückbetrachtung einst wie ein glücklicher Ausnahmezustand erscheinen. Wollen wir diese Stabilität erhalten, brauchen wir einen handlungsfähigen Staat, weil er der Einzige ist, der Spielregeln definieren kann. Deshalb sage ich: Bitte keine Staatsversessenheit, aber Schluss mit der verbreiteten Diskriminierung des Staates. Wir haben den Staat zu oft schlechtgeredet.

ZEIT: Gerade die SPD traut dem Staat momentan viel zu. Er soll mehr für die Betreuung von Kleinkindern tun, er soll Mindestlöhne festsetzen, und er nimmt den Bürgern mehr Steuern ab.

Steinbrück: Moment. Bei den Mindestlöhnen will die SPD die Tarifparteien entscheiden lassen, was in der jeweiligen Branche geschehen soll

ZEIT: aber falls dies nicht gelingt, wollen Sie im Gegensatz zur Union staatliche Untergrenzen für Löhne.

Steinbrück: Auch die Union will ein Gesetz: Der Staat soll sittenwidrige Löhne verbieten, die ein Drittel unter dem ortsüblichen Tarif liegen. Da fragen wir: Was bedeutet das beispielsweise für eine thüringische Friseuse, deren Tarif bei 3,50 Euro liegt? Ist da ein Lohn von 2,40 Euro noch in Ordnung? Oder sollte die Politik nicht doch lieber eine feste Untergrenze definieren? Ich erkenne da keine Staatsversessenheit der SPD, im Gegenteil. Die Gemeinschaft der Bürger wird doch von einigen Arbeitgebern ausgenutzt, die niedrige Löhne zahlen und gleichzeitig darauf setzen, dass steuerfinanzierte Transferzahlungen obendrauf kommen. Und was die Steuern angeht: Wir liegen mit Steuern und Abgaben im Durchschnitt der Industrieländer, und unsere Staatsquote wird in diesem Jahr voraussichtlich unter der von Großbritannien liegen.