ZEIT: Warum sollte jemand sein Geld nach Deutschland zurückholen, wenn er es hier mit 25 Prozent versteuern muss, in der Schweiz aber nur mit 15?

Steinbrück: Ich habe nie gesagt, dass ich abgeflossenes Kapital damit zurückholen kann, das wäre wishful thinking. Aber Kapitalverlagerungen ins Ausland sind auch nicht zum Nulltarif zu haben, und auf niedrigerem Niveau wird auch dort besteuert. Dieser Vorteil verliert sich durch die Abgeltungsteuer von 25 Prozent.

ZEIT: Viele Experten führen den Aufschwung auch auf die Agenda 2010 zurück. In der SPD aber ist die Agenda zum Unwort geworden. Warum fürchtet sich Ihre Partei vor dem eigenen Erfolg?

Steinbrück: Leider haben wir einen Hang zum Selbstmitleid. Die SPD kommuniziert ihre eigene Leistung nur verschämt. Auch manche Gewerkschaften fordern ja immer noch, die Agenda 2010 zurückzuziehen.

Das kann ich nicht empfehlen. Wenn die SPD die Agenda 2010 verleugnet, wird sie im 20-Prozent-Ghetto enden.

ZEIT: Es gibt Leute in Ihrer Partei, die sagen, der Steinbrück hat ja recht, aber die Linkspartei trifft die Gefühlslage der Menschen besser.

Steinbrück: Die Linkspartei argumentiert populistisch, das ist zunächst leichter. Was die vertreten, ist: Lasst uns festhalten an den jetzigen Verhältnissen oder sogar in die Vergangenheit zurückkehren, das sichert uns die Zukunft. Das funktioniert aber nicht in einer sich um uns herum stramm verändernden Welt, und das merken die Menschen, weil man sie auf Dauer nicht für dumm verkaufen kann.

ZEIT: Wie viel Prozent Ihrer Parteimitglieder teilen diese Sicht?